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Gastvorlesung Prof. Dr. Heilbrunn: «Die Kultur sind wir selbst»

Die Soziologin Sibylle Heilbrunn leitet die Fakultät für Sozial- und Geisteswissenschaften am Kinneret College am See Genezareth in Israel. In ihrer Gastvorlesung am Psychologischen Institut der ZHAW sprach sie über die Abgrenzung der Kulturen und die Möglichkeiten diese Grenzen aufzubrechen.

Prof. Sibylle Heilbrunn

«Juden sitzen automatisch neben Juden, Muslime automatisch neben ihresgleichen und Ultra-Othodoxe kommen nicht einmal in meinen Hörsaal, denn ich bin eine Frau.»

Prof. Dr. Sibylle Heilbrunn

Multikulturalismus in der Hochschulbildung Israels

Die Grenzen im Kopf

Sibylle Heilbrunn kam 1978 als junge Frau aus Deutschland nach Israel. Ihre eigenen Wurzeln spielen entsprechend in ihren Alltag und die komplexe Struktur der israelischen Gesellschaft mit hinein. Sie ist fasziniert von der kulturellen Vielfalt des «heiligen» Landes. Gleichzeitig sieht sie in ihrem Alltag und in ihren Studien, wie sehr sich hier die Geister scheiden. Religionsbedingt, würde man meinen. Doch Sibylle Heilbrunn weiss, dass das nur eine Vereinfachung ist. «Natürlich dürfen die Christen in eine Moschee gehen und die Muslime in eine Synagoge», erklärte sie an ihrem Vortrag zum Thema Multiculturalism in Higher Israeli Education am Psychologischen Institut der ZHAW. «Schliesslich sind das nicht nur religiöse Orte, sondern auch architektonische Werke und als solche per se kulturell sehenswert.» In ihren Augen liegt das Problem der ethnischen Trennung wesentlich tiefer als nur in der Religion. Es ist die Grenze im Kopf, die es den Menschen nicht erlaube, eine fremde Türschwelle zu überschreiten.

Uni oder Ehe

Als Soziologin beobachtet Sibylle Heilbrunn die vielen verschiedenen Gruppen, die in Israel leben sehr genau. «Juden, Araber, Orthodoxe und Christen, alle leben in ihrer eigenen Welt, haben ihren eigenen Stadtteil, ihre eigene abgeschottete Kultur», erklärt sie den Hörerinnen und Hörern im Toni-Areal. Die kulturellen Kreise berühren sich erst an der Hochschule, und die Unterschiede werden für die Menschen selbst erst dann wirklich sichtbar. Im Klassenzimmer ziehen sich die Grenzen, laut Heilbrunn, wie unsichtbare Fäden durch die einzelnen Gruppen: «Juden sitzen automatisch neben Juden, Muslime automatisch neben ihresgleichen und Ultra-Othodoxe kommen nicht einmal in meinen Hörsaal, denn ich bin eine Frau.» Während die sekulären Studentinnen aus den umlegenden Kibbutzim ihre Karriere planen, haben vor allem religiöse Frauen in Israel an der Uni ganz andere Ziele als Frauen in Europa. «Muslimische Frauen wiederholen gerne einmal ein Jahr, denn das ist ein weiteres Jahr, in dem sie nicht zu heiraten brauchen. Die jüdischen religiösen Mädchen hingegen möchten so schnell wie möglich fertig werden, damit sie endlich heiraten und Kinder kriegen können», so Heilbrunn. Im Schweizer Hörsaal treffen sich die Blicke der Frauen. So sieht die Welt also für andere Frauen an Hochschulen aus. Heilbrunn erklärt, dass Mädchen nicht zur Heirat gezwungen werden. Diese Zeit sei vorbei. Es sei aber sehr stark in ihren eigenen Köpfen verankert, dass Heirat und Kinder ihre Bestimmung sei. Während also religiöse jüdische Frauen gar nicht verstehen, weshalb Heilbrunn in ihren Vorlesungen von beruflicher Laufbahn oder gar Karriere spricht, sei für arabische Frauen die Universität ein wertvoller Moment der Unabhängigkeit. «Es ist so, dass arabische Frauen, die Karriere machen, nicht heiraten», erzählt sie. «Das geht einfach nicht zusammen.» Mit gemischten Gefühlen wird den Hörerinnen im Saal klar: Während wir Familie und Karriere wie selbstverständlich unter einen Hut bringen wollen, ist diese Entscheidung für viele Frauen in Israel noch immer genauso hart und absolut, wie sie es noch für unsere eigenen Mütter und Grossmütter war.

Sprache verbindet – oder trennt

Eine weitere Hürde auf dem Weg zu einer integrierten Gesellschaft in Israel liegt in der Sprache. Das ist bei uns in der Schweiz nicht anders, würde man denken. Aber Heilbrunn öffnet auch hier den Blick für eine viel komplexere Welt: «Es gibt eine grosse Gruppe Immigranten aus Äthiopien. Ihre Kultur ist non-verbal. Sie funktioniert über Blicke und Gesten und ist entsprechend analphabetisch. Konflikte werden in dieser Kultur ausgesessen, und man spricht weniger miteinander». Kein Wunder also, dass 95 Prozent dieser Immigranten ihre eigene Muttersprache, Amharisch, weder lesen, noch schreiben können. Die Kinder kommen in Israel in die Schule und bekommen einen Hebräisch-Kurs, der genauso aufgebaut ist, wie der, den Heilbrunn selbst zu Beginn ihrer Zeit in Israel genommen hatte. «Für mich war das aber die dritte Sprache, also eine analoge Denkübung», erklärt sie. Für die äthiopischen Juden habe das zur Folge, dass sie in ein sprachliches Vakuum fallen: «Sie können weder richtig Hebräisch, noch Amharisch. Dann müssen sie gleichzeitig noch Englisch lernen, damit sie die Fachliteratur lesen können. Erst wenn sie die sprachlichen Tests bestehen, können sie weiter studieren.» Dabei entsteht ein grosses Problem in den Denkstrukturen. Das «Second Level Thinking», also das abstrakte Denken, welches die Grundlage für eine höhere Bildung ist, wird für diese Menschen, laut Heilbrunn, schwierig bis unmöglich. So schaffen Sprachkurse, die eigentlich verbinden sollten, zusätzliche Hürden.

Bewusstsein durch Begegnung

Heilbrunns Vortrag ist so ehrlich wie eindrücklich. In lebhaften Bildern erzählt sie von russischen Einwanderern, die sich als erste ethnische Gruppe in Israel nicht um Integration scherten. «Man kann sehr gut als Russe oder Ukrainer in Israel leben, ohne je ein Wort Hebräisch zu sprechen. Es gibt russisches Fernsehen, russische Zeitungen und russische Schulen.» Schulen seien generell strikt getrennt. Nicht-religiöse Menschen gehen an andere Schulen als religiöse Menschen; und religiöse Menschen wiederum gehen nur in die Schule ihrer eigenen Religion. So kommt es, dass sich Menschen verschiedener Überzeugung nie begegnen – ausser sie landen irgendwann an der Universität. Hier werden die trennenden Strukturen im alltäglichen Verhalten offensichtlich. Sibylle Heilbrunn hat es sich zum Ziel gemacht, diese unsichtbaren Grenzen, die nicht einfach nur an Religion festzumachen sind, und die in jeden Kopf eingemeisselt scheinen, zu sprengen. Sie begann, die kulturellen, religiösen und geschlechterspezifischen Kluften, die sich mitten durch die Gesellschaft Israels ziehen, zu überbrücken und startete ein Projekt der Begegnung. Mit ihren Studierenden setzt sie im Unterricht soweit es geht integrative Massnahmen um. Auch separate, dem Studium vorgelagerte Sprachkurse versucht sie ins Bildungssystem einzuführen. Sie besucht mit den Studierenden Moscheen, Synagogen, Kirchen, aber auch andere Kulturstätten und Restaurants mit der Küche der einzelnen Kulturen. In Kursen für Interkulturelle Kompetenz versucht sie, die Studentinnen und Studenten zu mehr Neugier zu erziehen. «Nur wenn wir neugierig sind, wollen wir überhaupt etwas Neues hören und von anderen Menschen erfahren, wie es bei ihnen zuhause aussieht.» So führt sie ihre Studierenden aus dem Hörsaal hinaus und in den kulturellen Reichtum Israels hinein. Denn die Kultur, so ist sie überzeugt, das sind letztlich wir selbst.

«Nur wenn wir neugierig sind, wollen wir überhaupt etwas Neues hören und von anderen Menschen erfahren, wie es bei ihnen zuhause aussieht».

Auszug der Vorlesung: Multikulturalismus in der Hochschulbildung Israels

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Wer mehr erfahren will, findet im Video einen Auszug der Vorlesung.

Von Joy Bolli, Redaktion ZHAW Angewandte Psychologie

«Ich habe am Flughafen Zürich mehr orthodoxe Juden gesehen als ich in meinem Alltag in Israel sehe.» Sibylle Heilbrunn zerschlägt schon gleich zu Beginn ihrer Gastvorlesung so manche Klischee-Vorstellung. Die Professorin und Dekanin an der Fakultät für Sozial- und Geisteswissenschaften am Kinneret College am See Genezareth präsentierte beeindruckende aktuelle Zahlen der verschiedenen kulturellen Gruppen, die in Israel leben. Mit der Gründung Israels 1948 wurde das Land zu einem Schauplatz der kulturellen Gegensätze und Gegenbewegungen. «Es ist ein grosser Schock für viele äthiopische Juden, wenn sie nach Israel kommen und sehen, dass es auch hellhäutige Juden gibt», erklärt sie. Aus dem Herzen heraus erzählt sie von einer Welt, in der nichts so einfach ist, wie man annimmt. Es ist eine Welt, in der die Herkunft und die Geschichte der eigenen Familie das einzelne Individuum nicht nur prägt, sondern es von anderen kulturellen Gruppen trennt. Die Kontraste in den Herkunftsgeschichten und damit in den Köpfen der einzelnen Volksgruppen könnten nicht grösser sein. Da sind Juden und Araber, aber auch jüdische Araber und arabische Juden. Da sind othodoxe und ultra-othodoxe Juden, Russen und Afrikaner – und natürlich Europäer, wie Heilbrunn selbst.