«Fragen öffnen Türen – Vorwürfe oder Belehrungen schliessen sie»
Elterngespräche bieten Lehrpersonen, Schulsozialarbeitenden und weiteren Fachpersonen die Chance, gemeinsam mit Eltern tragfähige Lösungen für Kinder und Jugendliche zu entwickeln. ZHAW-Dozentin und Supervisorin Claudia Bernasconi erklärt im Interview, wie man auch in konflikthaften oder belastenden Situationen den Fokus konsequent beim Kindeswohl behalten kann.
Interview: Regula Freuler
Steigen wir mit einer Szene ein: Ein Lehrer ist mit der Mutter eines Schülers verabredet, weil dieser andere Kinder mobbt. Zur Begrüssung sagt sie genervt: «Eigentlich habe ich gar keine Zeit für so etwas.» Wie könnte daraus trotzdem ein gelungenes Elterngespräch entstehen?
Claudia Bernasconi: Wichtig ist, dass der Lehrer sich nicht verunsichert fühlt oder gar eine Front aufbaut, sondern seine Rolle reflektiert: Was ist meine Fachkompetenz, was meine Aufgabe? Er könnte sagen: «Es ist schön, dass Sie sich trotzdem Zeit nehmen.» Damit greift er die Aussage der Mutter auf und rahmt sie positiv.
Eine solche Ablehnung kann Fachpersonen aber auch triggern.
Bernasconi: Natürlich. Auch Fachpersonen sind Menschen und haben gute und schlechte Tage. Trotzdem wäre es ein Fehler, die Aussage persönlich zu nehmen oder gar auf dieselbe Weise zu kontern. Dann wäre das Gespräch fast sicher zum Scheitern verurteilt. Stattdessen sollte man sich fragen: Was verrät dieser Satz über die Mutter? Vielleicht hat sie Respekt vor dem Gespräch. Vielleicht ist es schon die x-te Einladung. Vielleicht fühlt sie sich allein gelassen oder überfordert in der Erziehung ihres Sohnes und empfindet Scham.

Entscheidend für Fachpersonen ist die eigene Haltung: Gehe ich davon aus, dass Eltern grundsätzlich das Beste für ihr Kind wollen? Oder denke ich insgeheim, sie seien unfähig? Diese Haltung ist spürbar – auch wenn sie unausgesprochen bleibt.
Claudia Bernasconi, ZHAW-Dozentin und Supervisorin
Warum Scham?
Bernasconi: Eltern können Scham empfinden, wenn sie das Gefühl haben oder man ihnen das Gefühl vermittelt, sie seien in der Erziehung nicht kompetent genug. Wenn ihr Kind nicht gehorcht oder sie aus Überforderung laut oder gar gewalttätig werden. Sich einzugestehen, dass man an seine Grenzen stösst, kann Scham auslösen.
Wie bereite ich mich als Fachperson auf ein schwieriges Elterngespräch vor?
Bernasconi: Zuerst muss man unterscheiden: Ist es ein freiwilliger oder ein angeordneter Kontext? Suchen die Eltern Unterstützung oder wurde das Gespräch ihnen von einer Behörde oder gerichtlich verordnet? Dann geht es um den Beziehungsaufbau. Wenn ich Vertrauen schaffen will, starte ich nicht sofort mit dem Problem, sondern lerne die Eltern erst einmal kennen.
Wie mache ich das konkret?
Bernasconi: Ich gebe den Eltern das Wort und frage etwa, wie es ihnen geht oder wie sie die Erziehung erleben. Ich hole sie dort ab, wo sie stehen. Starte ich direkt mit meiner Agenda, kann das überfordernd oder konfrontativ wirken. Entscheidend ist meine Haltung: Gehe ich davon aus, dass Eltern grundsätzlich das Beste für ihr Kind wollen? Oder denke ich insgeheim, sie seien unfähig? Diese Haltung ist spürbar – auch wenn sie unausgesprochen bleibt.
Wie kann man Druck aus einem schwierigen Gespräch nehmen?
Bernasconi: Indem man nicht mit Vorwürfen arbeitet. Kindererziehung ist für alle herausfordernd – auch für Fachpersonen. Statt die Eltern zu belehren, könnte man fragen: «Wann gelingt Ihnen eine gute Beziehung zu Ihrem Kind?» Das erleichtert den Zugang und ermöglicht echte Zusammenarbeit. In der Regel gilt fast immer: Fragen öffnen Türen – Vorwürfe oder Belehrungen schliessen sie. Mit Fragen kann ich Eltern zum Mitdenken einladen und mit ihnen reflektieren, wie sie in bestimmten Situationen reagieren und warum. Ein Vater erzählte mir einmal, er sei selbst mit viel Gewalt erzogen worden und kenne nichts anderes. Das war traurig, aber gleichzeitig eine gute Grundlage, um gemeinsam neue Wege in seiner Erziehung zu entwickeln.
Nehmen wir eine andere Situation: Geteiltes Sorgerecht, hochstrittige Eltern, eine Beiständin ist eingesetzt. In einem Gespräch mit Beiständin und Mutter droht der Vater auf einmal wütend: «Wenn das so ist, dann werden Sie wieder von meinem Anwalt hören.» Wie reagiert man?
Bernasconi: Der Fokus muss immer beim Kindeswohl bleiben. Hochstrittige Elternkonflikte sind für Fachpersonen oft sehr belastend. Eskaliert ein Gespräch, braucht es Rücksprache mit Gericht oder KESB. Wenn Eltern das gemeinsame Sorgerecht nicht umsetzen können, sind rasch Massnahmen nötig – etwa Mediation.
Wie sieht es bei Lehrpersonen aus? Denn auch Schulen erleben juristische Drohungen, etwa wenn es um den Übertritt an die Oberstufe geht.
Bernasconi: Sobald Eltern mit Anwält:innen drohen, sind Lehrpersonen oder Schulsozialarbeitende oft nicht mehr die richtigen Ansprechpartner:innen. Dann braucht es die Schulleitung und allenfalls juristische Beratung. In der Situation selbst ist wichtig, ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen.
Was wirkt dann deeskalierend?
Bernasconi: Systemische Fragen. Zum Beispiel: «Was wäre anders, wenn Ihr Anwalt nun hier am Tisch sässe?» Oder: «Was würde Ihr Kind sagen, wenn es jetzt hier wäre und zuhören würde?» Gerade diese letzte Frage verändert oft den Fokus.
Welche Gesprächsmethoden könnten auch helfen?
Bernasconi: Lösungsorientierte Fragen wie die Wunderfrage: «Stellen Sie sich vor, das Problem wäre morgen weg – wie sähe Ihr Leben aus?» Oder Reframing-Fragen. Ich habe einmal Eltern gefragt: «Wie war das eigentlich, als Sie noch verliebt waren?» Die Stimmung im Raum veränderte sich sofort. In unserem CAS Elternarbeit üben wir solche Methoden intensiv.
Es gibt Eltern, die psychisch stark belastet sind. Wenn ein Kind beispielsweise erzählt, ein Elternteil bleibe den ganzen Tag über im Bett – spricht man das als Lehrperson direkt an?
Bernasconi: Ja, dann muss das Gespräch gesucht werden. Man muss einschätzen, ob die Eltern noch genügend Ressourcen haben, um ihr Kind zu betreuen. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem beide Eltern psychisch so belastet waren, dass wir ihre beiden kleinen Kinder fünf Tage pro Woche in der Krippe platzieren mussten. Die Eltern waren kaum ansprechbar für ihre Kinder. Da muss man abwägen, ob eine Fremdplatzierung vorübergehend besser wäre.
Wo liegt die Grenze zwischen Unterstützung und Intervention?
Bernasconi: Das ist oft ein schmaler Grat und sollte immer im Mehraugenprinzip beurteilt werden. Oberste Maxime bleibt das Kindeswohl. Kinder müssen vor Parentifizierung geschützt werden – also davor, Aufgaben und Verantwortung der Eltern übernehmen zu müssen. Im Extremfall kann das auch bedeuten, Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu entziehen. Das ist die Ultima Ratio – und auch für Fachpersonen eine grosse Hürde.
Gibt es einen Satz oder eine Haltung, die Sie Fachpersonen mitgeben möchten?
Bernasconi: Das Wichtigste in der Elternarbeit ist, sich Zeit für den Vertrauensaufbau zu nehmen. Fachpersonen stehen oft unter Druck und wollen und müssen ihren Auftrag rasch erfüllen. Aber ohne Vertrauen gelingt nachhaltige Zusammenarbeit kaum.
Weitere Informationen
CAS Elternarbeit – Beziehungsgestaltung, Kommunikation und Kooperation