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«Allein durch Impfen lässt sich eine Viruserkrankung schwerlich ausrotten»

ZHAW-Forschende aus den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Life Sciences beantworten Fragen rund um Corona-Impfstoffe.

Jetzt ruhen alle Hoffnungen auf den zwei Impfstoffkandidaten, die zu mehr als 90% vor Ansteckung mit Covid-19 schützen sollen. Hat der Schrecken der letzten Monate damit bald ein Ende?

Rainer Riedl: Die Aussicht auf einen möglichen Impfschutz entspricht natürlich in der derzeitigen Situation dem erhofften «Licht am Ende des Tunnels». Allein mit einer Impfung lässt sich eine Viruserkrankung allerdings schwerlich ausrotten, wie das Beispiel der Masern zeigt. Es ist deshalb erstrebenswert, wenn zusätzlich zu verschiedenen Impfstoffen auch antivirale Medikamente zur Verfügung stünden. Wir verfolgen deshalb die Idee für einen antiviralen Wirkstoff, der das Andocken des Virus an menschliche Zellen unterbindet, wobei unser Ansatz auch bei mutierten Viren wirksam sein soll. Für die Umsetzung dieser Idee sind wir wie immer bei ambitionierten Projekten in der Pharmaforschung auf der Suche nach Finanzierungsquellen.

«Allein durch Impfen lässt sich eine Viruserkrankung schwerlich ausrotten»

Rainer Riedl ist Organischer Chemiker und war vor der ZHAW bei Eli Lilly, einem amerikanischenPharmaunternehmen in der Forschung in den USA und Deutschland als Medizinalchemiker tätig. Am Institut für Chemie und Biotechnologie der ZHAW leitet er die pharmazeutische Wirkstoffforschung und Arzneimittelentwicklung und arbeitet zusammen mit Industriepartnern an einer Reihe von Medikamenten.

Es sind nicht die grossen Pharma-Multis, die erste Erfolge bezüglich des Impfstoffs aufweisen, sondern innovative Mittelständler. Weshalb ist das so?

Rainer Riedl: Die an diesen Entwicklungen beteiligten mittelgrossen Unternehmen haben eine langjährige Erfahrung in der Erforschung von mRNA-basierten Wirkstoffen. Dies ist ein neuartiger Ansatz, der sehr forschungsintensiv ist. Hier haben die innovativen Mittelständler einen strategischen Vorteil, wobei BigPharma über Kooperationen allerdings auch einen Beitrag leistet, wie das Beispiel Biontech/Pfizer zeigt.

Wann rechnen Sie damit, dass in der Schweiz die ersten Personen geimpft werden?

Rainer Riedl: Zunächst müssen die Impfstoffe zugelassen werden. Die bisherigen Informationen über die Wirksamkeit stammen aus Pressemitteilungen der Unternehmen, und die Zulassung steht noch aus. Danach wird es von den Produktionskapazitäten, den Liefermodalitäten und der Logistik abhängen, wann die Impfungen starten können. Wenn die Impfstoffe sicher und wirksam sind, könnten die Impfungen nach den derzeitigen Prognosen im Laufe des Jahres 2021 beginnen.

«Eine Impfung scheint mir für die Gesellschaft aus wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gründen enorm wichtig»

Verena Klamroth-Marganska ist als Ärztin am Institut für Ergotherapie tätig und forscht seit über zwölf Jahren zu neuen Technologien und Robotik in Medizin und Therapie. Während des Lockdowns im Zuge der Covid-19 Pandemie im Sommer 2020 führte sie unter Ergotherapeutinnen und -therapeuten sowie Hebammen eine Umfrage zu deren Umgang mit Therapie auf Distanz, d.h. mithilfe digitaler Medien, durch. Die Ergebnisse sind bei BMC Health Services Research zu finden.

Würden Sie Gesundheitsfachpersonen raten, sich impfen zu lassen, sobald ein Impfstoff für die Schweiz zugelassen ist?

Verena Klamroth-Marganska: Eine Impfung scheint mir für die Gesellschaft aus wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gründen enorm wichtig. Das gilt vor allem für Personen, die in Gesundheitsberufen tätig sind und damit für vulnerable Personen als potenzielle Überträger eine Gefahr darstellen. Die Risiken der Impfung sind nach heutigem Kenntnisstand vernachlässigbar. Allerdings sollte ein medizinischer Eingriff meiner Meinung nach nicht obligatorisch sein. Unsere Forschungsergebnisse in der Schweiz zeigen, dass Ergotherapeutinnen und -therapeuten sowie Hebammen die während der Covid19-Pandemie nötigen Anpassungen sehr engagiert und selbstverantwortlich vorgenommen haben. Ich bin zuversichtlich, dass auch Impfungen bei den Gesundheitsfachkräften auf grosse Zustimmung stossen werden.

«Wahrscheinlich wird die Impfung zwischen 50 und 150 Franken pro Jahr kosten»

Simon Wieser leitet das Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie an der ZHAW School of Management and Law. Seine Arbeitsschwerpunkte sind neben der Gesundheitsökonomie auch Gesundheitskosten und gesundheitsökonomische Evaluationen.

Oft wird die Befürchtung geäussert, dass der neue Impfstoff sehr teuer sein könnte. Wie schätzen Sie das ein?

Simon Wieser: Der Preis wird bei diesem Impfstoff nicht das Problem sein. Wahrscheinlich wird die Impfung zwischen 50 und 150 Franken pro Jahr kosten, also etwa 1 Prozent der jährlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf. Für die Pharmabranche ist die Covid-Impfung dennoch interessant – wegen der grossen Menge.

Ist es aus ethischer Sicht problematisch, dass grosse Konzerne mit der Impfung Geld verdienen?

Simon Wieser: Dieses Geld kommt auch der Forschung zugute. Ohne den Anreiz Geld zu verdienen, gäbe es auch weniger Innovation.

Eine weitere Befürchtung ist, dass reiche Länder den Impfstoff zuerst erhalten werden. Wie beurteilen Sie das?

Simon Wieser: Reiche Länder erhalten in der Regel neue Medikamente früher, dafür aber zu einem höheren Preis. Es gibt aber auch Bestrebungen, diese Verteilproblematik etwas auszugleichen. Die Schweiz beteiligt sich beispielsweise finanziell an der internationalen Covax-Initiative, mit der auch einkommensschwachen Ländern Zugang zu Impfstoffen ermöglicht wird.