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Soziale Arbeit

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Wie ich gelernt hatte, soziale Organisationen zu verstehen

Unsere Autorin erzählt, wie sie beim Berufseinstieg zwischen Berufsethik und Organisationslogik navigieren musste – und warum ihr damals das Wissen über die Dynamiken sozialer Organisationen fehlte. Gemeinsam mit Mitarbeitenden und Kolleg:innen hat die Dozentin daraus ein Buch entwickelt, das Theorie und Praxis verständlich verbindet.

Eine Person hilft einer anderen Person im Flur beim Anziehen eines Schuhs.
Wie die Sozialarbeiterin auf diesem Bild war auch Gina Meyer zu Beginn ihrer Berufslaufbahn auf einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung tätig. (Bild: Gian Ehrenzeller / Keystone)

Von Gina Meyer 

Als ich zwanzig Jahre alt war, absolvierte ich ein Praktikum als Sozialpädagogin auf einer Aussenwohngruppe für Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen. Danach begann ich ein berufsbegleitendes Studium an einer Fachhochschule. An Idealismus und Durchhaltevermögen fehlte es mir nicht. Aber an Wissen, welche Dynamiken Organisationen prägen. Es war nicht Teil meiner Ausbildung. 

Dabei wäre es gerade beim Berufseinstieg wichtig, die Organisation, in der man so selbstverständlich arbeitet, in ihrer Bedeutung für diese Arbeit zu verstehen. Ein Fachbuch über diese organisationalen Zusammenhänge hätte mir aus heutiger Sicht damals sehr geholfen. 

Porträtfoto von Gina Meyer

«Ich war überzeugt, ich müsse für die Adressat:innen kämpfen – und manchmal eben auch gegen die Organisation, in der ich arbeitete. Heute weiss ich, es geht nicht ums Kämpfen, zumindest meistens nicht.»

Gina Meyer, ZHAW-Dozentin

Genau dieses Buch haben meine Teamkolleg:innen am Institut für Sozialmanagement nun geschrieben: In «Soziale Organisationen verstehen» zeigen wir, wie Sozialarbeitende wirksam handeln können, ohne zwischen Berufsethik und Bürokratie zerrieben zu werden, warum soziale Organisationen oft anders funktionieren als im Studium vermittelt – und wie Teams, Management und professionelle Haltung so zusammenspielen, dass am Ende die Bedürfnisse der Adressat:innen im Zentrum bleiben. 

Bin ich die Richtige?

Zu Beginn meiner Berufslaufbahn waren es zunächst einmal Vorkommnisse im Alltag, die älteren Kolleg:innen selbstverständlich erschienen, mich aber irritierten und manchmal auch verunsicherten. Was ich bei der Arbeit in den Institutionen erlebte, widersprach häufig dem, was ich in der Ausbildung gelernt hatte und teilweise auch dem, was ich unter Berufsethik verstand. Hierzu zwei Schlüsselerlebnisse. 

Beim einen ging es um eine Überforderung. In meinem Praktikum kam meine Teamleiterin eines Nachmittags zu mir. Sie hatte gerade mit dem Arzt eines Klienten telefoniert: Die Gewebeprobe zeige einen bösartigen Tumor. Ich solle doch bitte den Klienten informieren, denn sie erwarte jetzt zu Hause die Handwerker.  

Es fühlte sich für mich nicht richtig an, dass ich diese Nachricht überbringen sollte. Doch ich fragte mich, ob das nicht doch etwas sei, das man im Praktikum schon können müsse. Und die Information vor dem Klienten zurückzuhalten, kam für mich auch nicht in Frage. Also sprach ich später mit ihm. 

Handlungsspielräume erkennen

Das andere Schlüsselerlebnis widerfuhr mir während meiner Ausbildung auf der vorhin erwähnten Wohngruppe mit beeinträchtigten Menschen. An einem Morgen war ich gerade dabei, eine Klientin zu duschen, als der Heimleiter ohne anzuklopfen ins Bad trat. Er wollte mir Fragen zu Unterlagen aus einem anderen Fall stellen. Ich schickte ihn hinaus, ziemlich direktiv.  

Später, in seinem Büro, machte ich meinen Ärger Luft. Er verstand nicht, was mein Problem war. Er sei hier gewissermassen der Vermieter und könne sich darum frei im Gebäude bewegen. Als ich ihn fragte, wie oft denn sein Vermieter schon morgens in seinem Bad aufgetaucht sei, drehte sich unser Gespräch schnell nicht mehr um die Privatsphäre der Klientin, sondern darum, ob ich als Auszubildende mit ihm überhaupt so reden dürfe. 

So oder ähnlich erging es mir damals immer wieder. Ich war überzeugt, ich müsse für die Adressat:innen kämpfen – und manchmal eben auch gegen die Organisation, in der ich arbeitete. Heute weiss ich, es geht nicht ums Kämpfen, zumindest meistens nicht. Meistens reicht es, zu verstehen, wie eine Organisation funktioniert und wo meine Handlungsspielräume liegen.  

Drei Figuren führen durchs Buch

In unserem Buch begleiten wir die drei Sozialarbeitenden Marco, Angelika und Nazan. Es handelt sich um verdichtete, exemplarische Figuren aus der Praxis, in die viele reale Erfahrungen von uns Autor:innen eingeflossen sind. Marco arbeitet in der Suchtberatung, Angelika in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung und Nazan im Sozialdienst einer geriatrischen Klinik.  

Die drei merken schnell, dass das, was in den Konzepten ihrer Organisation steht, nur teilweise dem gelebten Alltag entspricht und dass dieselbe Organisation auf der Website oder in Berichten an die Politik noch einmal ganz anders dargestellt wird. Man nennt diese Ebenen formale Seite einer Organisation, informale Seite und Schauseite. 

Marco, Angelika und Nazan merken auch, dass sie mit Stellenantritt zu einem Organisationsmitglied geworden sind, von dem bestimmte Dinge erwartet werden können – andere Dinge aber auch explizit nicht. Von dort führt das Buch ins eigene Team, dann in die Zusammenarbeit zwischen Teams, und schliesslich zu den Fragen, die das Management einer sozialen Organisation als Ganzes betreffen: Wer entscheidet eigentlich, unter welchen Bedingungen wir mit den Klient:innen arbeiten? Warum ist Geld so oft ein schwieriges Thema? Und wozu braucht es überhaupt eine Strategie?  

Theoretische Konzepte in der Praxis

Bei jedem dieser Schritte bleibt die Arbeitsbeziehung zu den Adressat:innen im Fokus. Es geht nie um Organisation um ihrer selbst willen, sondern immer darum, was die jeweilige Ebene der Organisation mit den Klient:innen und der Arbeitsbeziehung zu ihnen zu tun hat. 

Viele Jahre später würde ich den Heimleiter immer noch aus dem Bad schicken. Klar. Aber hätte ich das Buch damals lesen können, hätte ich mich vielleicht nicht mehr in eine Hierarchiediskussion verwickeln lassen. Stattdessen hätte ich zum Beispiel versucht, an geeigneter Stelle in der Organisation – in diesem Fall eine Präventions- und Meldestelle – zu klären, wie wir den Schutz der Privatsphäre der Klient:innen, der formal in den Konzepten verankert ist, in der Praxis gewährleisten können.  

Neue Perspektiven gewinnen

Solche Situationen verschwinden nicht mit zunehmender Berufserfahrung. Aber sie verändern sich, sie begegnen einem in anderen Konstellationen wieder, manchmal sind sie subtiler und man muss aufmerksam bleiben, damit man sie nicht übersieht.  

Marco, Nazan und Angelika folgend, schlagen wir Autor:innen eine Brücke zwischen dem Blick der Profession und dem Blick der Organisation auf die Arbeit mit den Adressat:innen. Dadurch eröffnen sich neue Perspektiven auf den eigenen Handlungsspielraum als Mitarbeitende:r einer Organisation. Und darauf, dass sich dieser auch verändern lässt.

Zum Buch «Soziale Organisationen verstehen»

Wie funktioniert Soziale Arbeit innerhalb von Organisationen – und warum geraten gute fachliche Ideale im Berufsalltag manchmal unter Druck? Die Autor:innen dieses Buches verbinden Praxisnähe mit verständlicher Organisationstheorie und zeigen anhand der fiktiven Protagonist:innen Marco, Angelika und Nazan, wie Teams, Hierarchien, Management und professionelle Haltung den Alltag Sozialer Arbeit prägen. Eine zugängliche Einführung für Studierende, Berufseinsteiger:innen und erfahrene Fachpersonen, die soziale Organisationen besser verstehen und mitgestalten wollen.

Das Buch ist im Transcript-Verlag erschienen (180 Seiten, ca. 35 Franken). Die Autor:innen Michael Herzig, Christian Liesen, Gina Meyer, Sergio Gemperle, Melike Hocaoglu, Fiona Gisler und Esther Thahabi arbeiten alle im Institut für Sozialmanagement der ZHAW Soziale Arbeit.