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Partizipation junger Menschen in stationären Erziehungshilfen – ein Tagungsrückblick

Die Tagung der ZHAW Soziale Arbeit und des Fachverbands für Sozial- und Sonderpädagogik Integras vom 16. Juni 2022 im Toni-Areal setzte sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Herausforderung auseinander, wie Lücken zwischen Anspruch und Umsetzung von Partizipation geschlossen werden können.

Partizipation ist ein Anspruch an die stationäre Kinder- und Jugendhilfe, der in der Fachwelt der stationären Erziehungshilfen auf eine breit abgestützte Akzeptanz zählen kann. Dazu sind Angebote der Hilfen zur Erziehung unter anderem durch das Recht auf umfassende Beteiligung in der UN-Kinderrechtskonvention auch verpflichtet. Zugleich ist Partizipation jedoch ein lückenhaft ausdifferenzierter Begriff geblieben und wird gemäss Forschungslage auch lückenhaft umgesetzt. Diesen Umstand gilt es ernst zu nehmen und gemeinsam mit allen Akteur:innen zu ändern.

Interesse und Vertrauen am Kind

Nach einer Einleitung in die Thematik durch Thomas Gabriel, Leiter des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie, wurde am Vormittag in zwei Hauptreferaten einerseits der Frage nachgegangen, wie junge Menschen ihre Beteiligungsmöglichkeiten erleben. Andererseits leiteten die Referierenden daraus förderliche Bedingungen ab für die gelingendere, von den jungen Menschen erfahrbare Umsetzung von Partizipation. Remi Stork, der sich seit fast 30 Jahren vielfältig mit Partizipation befasst und unter anderem auch Einrichtungen in der Umsetzung begleitete, zeigte grundlegende Herausforderungen auf. Er setzte kursierenden Bedenken an Partizipation konkrete Beispiele entgegen, die dazu ermutigen, die Sichtweisen der jungen Menschen im Alltag umfassend einzubinden. Stefan Eberitzsch, Julia Rohrbach und Samuel Keller stellten im Anschluss erstmals die Ergebnisse ihres Forschungs- und Entwicklungsprojekts «Wie wir das sehen» vor. Diese zeigen auf, in welchen Lebensbereichen junge Menschen Möglichkeiten zur Mitgestaltung benötigen, um sich wohl und sicher zu fühlen. Auch legten sie dar, wie sich entsprechende Erfahrungen auf ihre Bereitschaft auswirken, mit den Fachpersonen und Peers in konstruktive Beziehung zu treten. Gabriele Rauser, die Geschäftsführerin von Integras, führte die Tagungsgäste durch den abwechslungsreichen und fachlich anregenden Tag.

«Du schiesst mir in mein Bein» – Aushandlungsmöglichkeit und Selbstwirksamkeit als Schlüssel

Am Nachmittag konnten die Teilnehmer:innen zwei von insgesamt fünf Workshops besuchen. In den Workshops wurden Inhalte aus den Referaten vertieft, ausdifferenziert und im Hinblick auf deren Implikationen in der Praxis diskutiert. Deshalb widmete sich der letzte Abschnitt der Tagung auch den zentralen Akteur:innen zur Umsetzung von Partizipation: den Fachpersonen (die von den Teilnehmenden auf Zetteln vermittelten Bewertungen zur Tauglichkeit der präsentierten Inhalte für ihren Praxisalltag wurden besprochen) und den jungen Menschen in stationärer Heimerziehung. Letztere wurden repräsentiert durch zwei junge Tagungsgäste aus der WG-Guggisberg. Ein Jugendlicher rappte über sein Leben, in dem er immer wieder das Gefühl hatte, dass man ihm in sein Bein schiesst. Mit dieser Metapher zu seinen Ohnmachtserfahrungen und zu erzwungen erlebtem Gehorsam brachte er die hohe Bedeutung von Aushandlung und Selbstwirksamkeit zur Identitätsentwicklung auf den Punkt. Im Interview mit Gabriele Rauser forderten die zwei jungen Menschen von Fachpersonen zudem mehr ernsthaftes Interesse, Anerkennung und Nähe – aus ihrer Sicht ein Gegenentwurf zur sogenannten Professionalität. Zum Abschluss stellte das Kinder- und Jugendheim Laufen ein kreatives Experiment vor, das einer Idee der jungen Menschen entsprang: Einen halben Tag lang tauschten Fachpersonen und Jugendliche dabei ihre Rollen. Fazit: Beide Gruppen waren danach sehr müde, aber um eine wichtige Erfahrung für das gemeinsame Gestalten des Alltags reicher. Das traf wohl auch auf viele der Tagungsteilnehmenden zu.

Aktionsbox

Ganz zum Schluss wurden drei Aktionsboxen, die Jugendliche aus drei Einrichtungen zur Befähigung, Förderung und Sensibilisierung zur Partizipation im Rahmen des Projekts «Wie wir das sehen» mitentwickelt haben, verlost. Gratulation an die Gewinner:innen! Die Aktionsbox kann hier bestellt oder heruntergeladen werden und für gemeinsame Weiterentwicklungen von Themen mit jungen Menschen oder auch für interne Workshops mit den Fachpersonen genutzt werden. Gerne bietet das Projektteam auch massgeschneiderte Weiterbildungen, Begleitung von Entwicklungen oder Beratung zu Partizipation an (Kontaktmöglichkeit: Stefan Eberitzsch).

Tagungsimpressionen