«Die digitalen Plattformen sollen reguliert werden – nicht die Kinder»
Die Forderung nach Social-Media-Verboten für Kinder und Jugendliche wird lauter. Länder wie Australien gehen voran. Laurent Sedano, Experte für Medienbildung und Jugendarbeit, hält wenig von solchen Verboten. Er plädiert stattdessen für mehr Verantwortung der Plattformen, mehr Unterstützung für Eltern und Schulen und für einen differenzierteren Blick auf junge Menschen.
Interview: Regula Freuler
Seit Ende 2025 ist in Australien die Nutzung vieler Social-Media-Plattformen für unter 16-Jährige verboten. Frankreich, Griechenland oder Dänemark prüfen ähnliche Altersgrenzen; auch auf EU-Ebene werden strengere Regeln diskutiert. Weshalb sind Social-Media-Verbote politisch derzeit so attraktiv?
Laurent Sedano: Weil sie relativ einfach kommunizierbar sind. Wenn ein gesellschaftliches Problem als bedrohlich wahrgenommen wird, entsteht schnell der Wunsch nach klaren Massnahmen. Ein Verbot vermittelt Handlungsfähigkeit. Diese Debatte geht oft an der eigentlichen Ursache vorbei. Problematische Dynamiken entstehen weniger dadurch, dass Jugendliche digitale Medien nutzen, sondern durch die Art und Weise, wie Plattformen gestaltet sind und welche Geschäftsinteressen dahinterstehen.
Sie meinen technische Designprinzipien wie Endless Scrolling oder algorithmische Feeds, bei denen Inhalte automatisch nachladen, sodass Nutzende ohne Unterbruch weiter scrollen können?
Genau. Plattformen sind nicht neutral gebaut. Viele Funktionen zielen darauf ab, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Autoplay, permanente Benachrichtigungen oder personalisierte Feeds verstärken das zusätzlich. Wenn wir ernsthaft etwas verändern wollen, müssten wir dort regulieren. Stattdessen diskutieren wir häufig darüber, wie man Kinder und Jugendliche von den Plattformen fernhalten kann. Damit wird die Verantwortung von den Unternehmen auf die Nutzer:innen verschoben.

«Die Debatte wird im Moment sehr emotional geführt. Das ist verständlich, weil viele Erwachsene eine reale Verunsicherung erleben.»
Laurent Sedano, wissenschaftlicher Mitarbeiter ZHAW Soziale Arbeit
Viele Eltern würden dem wahrscheinlich entgegnen: Aber irgendetwas muss man doch tun.
Die Sorgen sind absolut nachvollziehbar. Viele Eltern erleben Konflikte zu Hause, machen sich Gedanken über Schlafmangel, Konzentrationsprobleme oder belastende Inhalte. Das sollte man nicht kleinreden. Die Frage ist einfach, welche Massnahmen tatsächlich helfen. Und da bin ich skeptisch, ob pauschale Verbote die Probleme lösen.
Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt argumentiert, Smartphones und soziale Medien hätten erheblich zur psychischen Belastung vieler Jugendlicher beigetragen. Unterschätzen Verbotsgegner:innen diese Risiken?
Ich denke nicht. Die von Haidt postulierten Zusammenhänge lassen sich empirisch nicht belegen. Die Studienlage zeigt zwar Effekte, diese sind jedoch inkonsistent und deutlich kleiner, als oft angenommen wird. Daher ist es problematisch, dass diese falschen Annahmen im Diskurs so dominant sind. Problematisch finde ich auch, wenn daraus ein vereinfachtes Bild von Aufwachsen entsteht. Kinder und Jugendliche lernen, indem sie Erfahrungen machen, Grenzen austesten und dabei von Erwachsenen begleitet werden. Entwicklung gelingt nicht, indem man Risiken vollständig aus dem Weg räumt.
Aber gerade Schulen erleben doch täglich Jugendliche, die kaum mehr vom Handy loskommen.
Damit ringen viele Schulen. Lehrpersonen erleben Jugendliche, die erschöpft sind oder sich kaum konzentrieren können. Gleichzeitig muss man aufpassen, nicht jede Schwierigkeit sofort ausschliesslich dem Smartphone zuzuschreiben. Ich führe gerade Interviews mit Jugendlichen, die davon berichten, wie schwierig es ist, mit Erwachsenen über Belastungen zu sprechen. Häufig erhalten sie abwertende Reaktionen bezüglich ihrer Mediennutzung. Erwachsene übersehen, dass Mediennutzung oft wie ein Katalysator wirkt, das heisst, sie macht Phänomene sichtbar, die bereits da sind, beispielsweise Mobbing, Stress durch Druck in der Schule oder Zukunftsängste.
Und wie sollten wir als Gesellschaft mit dem Umstand umgehen, dass Handys eine enorme Anziehungskraft haben?
Zunächst einmal braucht es Räume, um darüber zu sprechen und die Lage zu reflektieren. Medienkompetenz wird oft auf technische Kompetenzen reduziert. Aber eigentlich geht es um viel mehr: Wie funktionieren Algorithmen? Warum fühlen sich bestimmte Apps so unwiderstehlich an? Wie beeinflussen digitale Räume unser Selbstbild oder unsere Aufmerksamkeit? Viele dieser Kompetenzen lassen sich nicht allein im Unterricht vermitteln. Es braucht Räume für Erfahrungen und Begegnungen. Der Freizeitbereich mit der offenen Kinder- und Jugendarbeit ist deshalb ein wichtiger Ort.
Einige Schulen experimentieren inzwischen mit mehreren Wochen freiwilligem Smartphone-Verzicht. Was halten Sie davon?
Solche Reflexionsräume können sinnvoll sein, wenn Jugendliche ernst genommen und gut begleitet werden. Jugendliche merken dabei oft selbst, wie automatisiert gewisse Gewohnheiten geworden sind oder was es bedeutet, sich dem Sog zu entziehen. Spannend wird es, wenn daraus Gespräche entstehen: Was hat sich verändert? Was hat gefehlt? Was war vielleicht auch entlastend?
Eilt die Politik mit Social-Media-Verboten der Wissenschaft voraus?
Die öffentliche Debatte deckt sich oft nicht mit der bestehenden Evidenz. Stattdessen wird sie im Moment sehr emotional geführt. Das ist verständlich, weil viele Erwachsene verunsichert sind. Aber genau deshalb wäre es wichtig, genauer hinzuschauen. Es gibt vulnerable Gruppen, die Unterstützung brauchen. Es gibt Plattformmechanismen, die eine gesunde Mediennutzung massiv erschweren. Dafür brauchen wir Schutzmassnahmen, die tatsächlich funktionieren.
Welche Jugendlichen sind besonders verletzlich?
Vor allem Jugendliche, die auch offline wenig stabile Unterstützung erleben. Armut, belastete Familienverhältnisse, psychische Belastungen oder soziale Isolation spielen eine grosse Rolle. Gerade bei vulnerablen Jugendlichen können Social Media gleichzeitig Risiko und Ressource sein. Queere Jugendliche beispielsweise erleben online häufig Hass oder Ausgrenzung, finden dort aber oft auch erstmals Gemeinschaft oder Unterstützung. Diese Ambivalenz geht in der Debatte manchmal verloren.
Ein Verbot könnte solche Jugendlichen also zusätzlich treffen?
Ja, das sind Befürchtungen vieler Kinderrechtsorganisationen. Jugendliche in schwierigen Situationen suchen niederschwellige Hilfe oft dort, wo sie ohnehin unterwegs sind. Wenn man den Zugang zu Social Media verbietet, bedeutet das nicht automatisch, dass sich Jugendliche stattdessen an Beratungsstellen wenden. Deshalb finde ich es wichtig, digitale Räume nicht nur als Gefahr zu betrachten, sondern auch als Ressource anzuerkennen, wie es die UN-Kinderrechtskonvention auch tut.
Trotzdem gibt es Eltern, die sagen: Ich schaffe das nicht mehr.
Das höre ich oft, und man sollte diese Überforderung ernst nehmen. Viele Familien stehen unter enormem Druck. Ein pauschales Verbot hilft in dieser Situation jedoch kaum. Eltern fällt dann zusätzlich die Aufgabe zu, ihre Kinder zu kontrollieren. Jugendliche werden Wege finden, Verbote zu umgehen. Deshalb sollten wir Medienerziehung nicht als rein private Aufgabe betrachten. Schulen, Jugendarbeit, Politik und Plattformen tragen ebenfalls Verantwortung.
Kritiker:innen würden sagen: Das klingt gut, ist aber im Alltag kaum umsetzbar.
Teilweise stimmt das sogar. Viele Fachpersonen arbeiten längst an ihren Grenzen. Genau deshalb irritiert mich manchmal, wie schnell nach Verboten gerufen wird. Das ist politisch einfacher, als langfristig in Prävention, Elternbildung oder offene Jugendarbeit zu investieren. Aber nachhaltige Begleitung braucht Zeit und Ressourcen.
Sie sprechen oft von Begleitung statt Verboten. Aber wo ziehen Sie Grenzen?
Natürlich brauchen Kinder und Jugendliche Grenzen. Die Frage ist vielmehr, welche Grenzen sinnvoll sind und wie sie vermittelt werden. Ich finde altersgerechte Regeln absolut legitim. Entscheidend ist doch, ob Kinder und Jugendliche lernen, sich zunehmend selbstbestimmt und reflektiert in digitalen Räumen zu bewegen.
Sie wirken skeptisch gegenüber technischen Lösungen. Weshalb?
Weil technische Lösungen häufig neue Probleme erzeugen. Wenn Plattformen beispielsweise mithilfe von KI problematisches Verhalten erkennen sollen, stellt sich sofort die Frage nach Überwachung und Datensammlung. Und wenn Jugendliche ihr Alter angeben müssen, besteht die Gefahr, dass Verantwortung an technische Systeme delegiert wird. Letztlich bleibt die Frage gesellschaftlich: Wie wollen wir digitale Räume gestalten? Und welche Verantwortung tragen Erwachsene dabei?
Trauen wir Jugendlichen insgesamt zu wenig zu?
Teilweise schon. Im Moment gibt es eine starke Tendenz, junge Menschen vor allem als gefährdet und manipulierbar wahrzunehmen. Gleichzeitig erwartet dieselbe Gesellschaft sehr früh Selbstständigkeit und Eigenverantwortung von ihnen. Diesen Widerspruch finde ich bemerkenswert.
Und was wäre aus Ihrer Sicht die wichtigste politische Massnahme?
Die digitalen Plattformen sollen reguliert werden – nicht die Kinder. Wir wissen inzwischen ziemlich genau, welche Designmechanismen problematisch sind. Dort müsste man ansetzen. Gleichzeitig sollten wir die Menschen stärken, die Jugendliche begleiten: Eltern, Lehrpersonen, Schulsozialarbeitende oder die offene Kinder- und Jugendarbeit. Das wäre vermutlich aufwendiger und teurer als ein Verbot. Aber langfristig deutlich wirksamer.