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Zwischen Heimatgefühl und Verunsicherung – junge Second@s in der Schweiz

Ihre Eltern sind als Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem Süden und Südosten Europas in die Schweiz migriert. Was bedeutet dieser Hintergrund für Jugendliche in der Schweiz?

In einer Langzeitstudie untersuchten Forscherinnen und Forscher der ZHAW Soziale Arbeit über zehn Jahre die Lebensverläufe von Second@s mit Blick auf ihre gesellschaftliche Positionierung. Die narrativen Interviews der 23 Teilnehmenden aus Emmen, die zu drei Zeitpunkten – mit 16, 19 und 26 Jahren – Einblicke in ihr Leben gewährten, lassen Schlüsse zu, die betroffen machen, aber auch Respekt auslösen. Bedarf und Möglichkeiten zum Handeln gibt es sowohl auf gesellschaftlicher wie auch auf sozialarbeiterischer Ebene.

Aufbruch

Bei der ersten Befragung mit durchschnittlich 16 Jahren ist eine Grundstimmung des Aufbruchs deutlich wahrnehmbar. Die Eltern waren ausgewandert, um den Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen – die geografische Mobilität sollte eine soziale Mobilität der Kinder zur Folge haben. Die Auswanderung wurde so zum Familienprojekt, das zusammenschweisst und in den Jugendlichen einen deutlichen Aufstiegswillen weckt. Ein Aufstiegswille, der sich zu jenem Zeitpunkt vor allem im dominierenden Thema, der Lehrstellensuche, äussert.

Ernüchterung

Drei Jahre später ist die Lust am Aufbruch einem Gefühl der Ernüchterung gewichen. Vielen gelang es trotz hohem Engagement nicht, eine Lehre in ihrem Wunschberuf zu machen: Sie mussten auf eine Zwischenlösung ausweichen und fanden schliesslich in jenen Berufen und Branchen einen Ausbildungsplatz, die wenig beliebt sind. Der Einstieg ins Berufsleben wird denn auch als fremdbestimmt wahrgenommen. Die vielfältigen Beziehungen aus der Volksschule verlieren sich, im Freizeit- und Berufsleben dominieren Kontakte zu Personen derselben Herkunft. Gescheiterte und aus Angst vor Ablehnung zurückgezogene Einbürgerungsbegehren sind ein Thema. Der Glaube an ein meritokratisches Gerechtigkeitsversprechen wird durch gegensätzliche eigene Erfahrungen getrübt. In manchen Fällen zieht dies eine Distanzierung vom Familienprojekt des sozialen Aufstiegs nach sich.

Durchhalten

Mit 26 Jahren sind den Interviewten vor allem zwei Dinge gemeinsam: die hohe Leistungsbereitschaft und die Anpassungsfähigkeit, mit denen sie sich auf dem Arbeitsmarkt bewegen und zu behaupten versuchen. Auftrieb gibt den jungen Erwachsenen in dieser Phase das erworbene Berufszertifikat. Dadurch gewinnen sie an Ermächtigung und Zugängen zum Arbeitsmarkt, wo in erster Linie ihre Qualifikation und weniger ihre Herkunft zählt. Manchen gelingt schrittweise ein sozialer Aufstieg, andere kämpfen nach wie vor darum, aus der ökonomischen Prekarität herauszufinden. In beiden Situationen sind Erschöpfung und Überforderung zu beobachten, verbunden mit einem anhaltend starken Durchhaltewillen. Gegenseitige Unterstützung in der Familie wird grossgeschrieben. Damit werden gerade in Situationen finanzieller Knappheit die familiären Beziehungen wieder enger. Während Erfahrungen von Stigmatisierung im alltäglichen sozialen Kontakt abnehmen, ist indirekter Rassismus vor allem bei Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien ein Thema, Verletzung durch öffentliche und mediale Diskurse betreffen überwiegend junge Musliminnen und Muslime. Gemäss Nina Gilgen, Kanton Zürich, muss die Bekämpfung von Diskriminierung ein Schwerpunkt sein: Im Kanton Zürich ist dieser gesetzt. «Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass verstärkt auf struktureller Ebene gearbeitet werden muss», findet die Leiterin der Fachstelle für Integrationsfragen.

Aufenthaltssicherheit als Ziel

Volksabstimmungen wie die zum Zeitpunkt der letzten Befragung aktuelle Durchsetzungsinitiative verunsichern. Die Befragten fühlen sich nicht anerkannt, ausgegrenzt. Viele haben eine starke Bindung zu ihrer Gemeinde, freuen sich über deren städtebauliche Aufwertung, fühlen sich heimisch – die volle Gleichstellung und Anerkennung und damit auch die Garantie, bleiben zu können, fehlt ihnen jedoch. Politik wird als Sphäre wahrgenommen, die sich vor allem mit der natioethischen Dimension befasst, und gerade hier fühlen sich die jungen Erwachsenen nicht vertreten, abgewertet oder gar systematisch ausgeschlossen. Das Interesse an Politik ist entsprechend gering. Oder mit den Worten von Blerim, 27, «Politik regt mich viel mehr auf, als dass sie mir irgendwie hilft, ganz einfach, und darum beschäftige ich mich nicht so viel mit Politik». Unter diesen Voraussetzungen wird die Aufenthaltssicherheit ein wichtiger Grund für eine Einbürgerung, während die Möglichkeit, abstimmen zu können, nicht im Vordergrund steht.

Unsicherheit schwingt mit

Gefühle der sozialen Verunsicherung lassen sich unter den aktuellen wirtschafts- und sozialpolitischen Bedingungen in weiten Teilen der Gesellschaft beobachten. Die Verunsicherung der Second@s hat insofern eine besondere Qualität, als zusätzlich deren gesellschaftliche Zugehörigkeit bis hin zur Aufenthaltssicherheit infrage gestellt wird. Der Druck auf die jungen Erwachsenen, sich unter erschwerten Bedingungen in der Gesellschaft zu etablieren, ist immens. Marcus Nauer, ehemaliger Leiter Bereich Gesellschaft, Gemeinde Emmen, betont, wie wichtig es wäre, in Beratungen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen genau hinzuhören, welches ihre Themen und Belastungen seien: «Zu selten wird etwa nachgefragt, welche Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht werden oder welche Sorgen und Hoffnungen es in der Familie gibt.»

Umgang mit Druck

Gemäss Eva Mey, Projektleiterin der Studie, dürfe es insbesondere nicht darum gehen, einseitig immer mehr Druck auf Einzelne auszuüben, während wichtige Massnahmen auf kollektiver Ebene wie ein erleichterter Zugang zu politisch-rechtlicher Gleichberechtigung oder ein verbesserter Diskriminierungsschutz ausblieben. Auch bezogen auf die Lehrstellensuche, einer der prägenden Faktoren im Lebensverlauf der jungen Menschen, wäre es wichtig, Druck herauszunehmen. Indem man die Jugendlichen darin bestärkt, ihren eigenen Weg zu gehen und beispielsweise nicht die erstbeste Chance zu ergreifen, auch wenn sie den eigenen Wünschen und Fähigkeiten nicht entspricht.