Kopfbereich

Schnellnavigation

Hauptnavigation

Schulsozialarbeit – zwischen Eigenständigkeit und Annäherung

Sozialarbeitende in der interprofessionellen Zusammenarbeit: ein Balanceakt zwischen fachlicher Eigenständigkeit und Annäherung an die Perspektiven anderer Professionen.

von Serafina Schelker und Renate Stohler
Die Schulsozialarbeit als junges Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe ist ein Paradebeispiel für die interprofessionelle Zusammenarbeit. Schulsozialarbeitende haben ihr Büro in der Regel auf dem Schulgelände. So sollen die Umsetzung von niederschwelligen Unterstützungsangeboten für Kinder und Jugendliche sowie präventive oder intervenierende Massnahmen auf Gruppen- und Klassenebene ermöglicht werden. Durch diese räumliche Verortung werden die Herausforderungen besonders deutlich: sowohl im Arbeitsalltag als auch in der konzeptionellen Entwicklung der interdisziplinären Zusammenarbeit.

Kooperation durch Perspektivenwechsel und Positionierung

Schulsozialarbeitende kooperieren mit schulischen Akteuren wie der Schulleitung, Lehrpersonen sowie Fachpersonen der schulischen Heilpädagogik und des Hortes. Zudem sind sie mit Fachstellen vernetzt wie der Sucht- und Gewaltprävention, dem Schulpsychologischen Dienst, der Jugendarbeit, medizinischen und therapeutischen Institutionen sowie Organisationen im Bereich des Kindesschutzes.
Eine gewinnbringende Kooperation bedingt ein vertieftes Verständnis für Ziele und Werte, Prozessabläufe, die aktuelle Praxis, Wissensbestände sowie Kompetenzen der anderen Profession. Aber auch das Artikulieren der eigenen Position und damit das Anbieten der eigenen Expertise und Deutungsmuster sind notwendig. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, wie Schulsozialarbeitende ihre eigene professionelle Rolle und Position definieren.

Die eigene Position fachlich legitimieren

Zur fachlichen Legitimation der eigenen Rolle und Position in der interprofessionellen Zusammenarbeit können verschiedene Quellen dienen: die Konzepte der jeweiligen Trägerschaften zu Schulsozialarbeit, das Leitbild der nationalen Berufsverbände oder die Expertise aus Wissenschaft und Theorie zu Schulsozialarbeit sowie Kinder- und Jugendhilfe. Eine weitere Möglichkeit bietet die Orientierung an der Internationalen Definition Sozialer Arbeit. Wie eine fachliche Positionierung mit der Internationalen Definition (vgl. IFSW) aussehen könnte, wird nachfolgend skizziert.

Lebensbewältigungskompetenz und Wohlbefinden

Die Schulsozialarbeit steht allen Kindern und Jugendlichen der jeweiligen Schuleinheit sowie ihren Bezugspersonen als niederschwelliges, freiwilliges, vertrauliches und unentgeltliches Angebot zur Verfügung. Selbstbestimmung und Mitbestimmung des Gegenübers sind dabei zentrale Prinzipien der Zusammenarbeit. Durch ressourcenorientierte und systemische Beratung fördert die Schulsozialarbeit die Bewältigung psychosozialer Problemstellungen sowie des Schulalltags. Zudem unterstützt sie durch Angebote wie Elternbildung und Elternberatung die Bezugspersonen darin, ihre Verantwortung gegenüber den Kindern und Jugendlichen wahrzunehmen.

Soziale Kohäsion

Die Schulsozialarbeit steht für eine Schulkultur ein, welche die Teilhabe und das Wohlbefinden aller Kinder und Jugendlichen gewährleistet. Mit ihren Angeboten fördert sie das informelle soziale Lernen, vermittelt und interveniert bei Konflikten und bezieht die systemischen Aspekte von sozialen Fragestellungen in ihre Überlegungen mit ein.

Vermittlung zwischen Individuen und Strukturen

Die Schulsozialarbeit adressiert Strukturen in der Schule, in der Kinder- und Jugendhilfe oder des Sozialraums, die zu Marginalisierung und sozialem Ausschluss führen, und versucht sie zu verbessern. Sie stellt die Anschlussfähigkeit von Schule und Lebenswelt sicher, indem sie die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren wie Vereinen, Stiftungen oder NPOs sowie Institutionen des Gemeinwesens oder der Berufswelt sucht.

Berufsethische Werte

Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit ist gerade im Bildungssystem omnipräsent. Bildungserfolg und Berufschancen sind nach wie vor in hohem Masse abhängig von sozialen, ökonomischen und kulturellen Faktoren. Schulsozialarbeit hat hier die Aufgabe, sowohl die Lernbedingungen von Schülerinnen und Schülern individuell zu verbessern, als auch auf Möglichkeiten hinzuweisen, wie die Schule sich auf struktureller Ebene weiterentwickeln könnte. Dazu gehört auch, dass sich Schulsozialarbeitende bei der Ausgestaltung ihrer Angebote an den Menschen- und Kinderrechten orientieren und ihre Anspruchsgruppen über diese Rechte informieren.

Kooperation als Kerngeschäft

Die Schulsozialarbeit geht also über die Einzelfallhilfe hinaus, wenn sie sich an der internationalen Definition Sozialer Arbeit orientiert. Ihre Rolle als Vermittlerin an vielfältigen Schnittstellen in den verschiedenen Bereichen der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen kann sie nur gemeinsam mit anderen Akteurinnen und Akteuren wahrnehmen. Es gilt, mithilfe verschiedener fachlicher Expertisen die Schule als einen sozialen Lern- und Lebensort auszugestalten. Interprofessionelle Kooperation ist daher das anspruchsvolle Kerngeschäft der Schulsozialarbeit, in der sie sich fachlich positionieren muss.