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So werden Psychologie-Studierende zum Online-Coach

Computer starten, einloggen, Beratung starten: So könnte dereinst der Alltag von Psychologinnen und Psychologen aussehen. Im Masterstudium der ZHAW lernen angehende Berufsleute, wie sie Klientinnen und Klienten «auf Distanz» beraten können.

«Wir müssen die Studierenden auf die Zukunft vorbereiten», sagt Silvia Deplazes. Der Satz könnte als Pflichtübung interpretiert werden, entspringt aber ihrer tiefsten Überzeugung. Deplazes leitet gemeinsam mit ihrem Kollegen Hansjörg Künzli am Psychologischen Institut der ZHAW die Fachgruppe Diagnostik und Beratung. Ihr ist es wichtig, dass die Ausbildungsstätte das «angewandt» nicht nur im Namen trägt, sondern auch lebt. «Die Auszubildenden sollen möglichst rasch ins Tun kommen», sagt Deplazes. Das «Tun» heisst im konkreten Fall die psychologische Beratungspraxis. Und dass diese sich immer mehr auf andere Kanäle als das klassische Beratungsgespräch unter vier Augen im Behandlungszimmer erweitern wird, ist nur eine Frage der Zeit. Deshalb gehört das Online-Coaching – Fachleute sprechen auch von Distanzberatung – seit ein paar Jahren zum Pflichtprogramm für Masterstudierende.

Ein weites Anwendungsfeld

«Distanzberatung eignet sich für alle Arten der Beratung – von der anonymen Aidsberatung übers Management-Coaching bis hin zur Psychotherapie», betont Hansjörg Künzli. Er und Deplazes haben den einsemestrigen Kurs erarbeitet und wirken dort auch als Dozierende. Dabei nutzen sie die von einer Karlsruher Firma entwickelte Kommunikationsplattform «CAI Coaching World», die (Video-)Telefonie, Chats und gemeinsame Arbeitsoberflächen mit den bereits heute gängigen Formen der Distanzberatung etwa über E-Mail-Beratung verbindet. Die Masterstudierenden lernen die Computerplattform kennen. Zudem werden sie auf den neusten Stand der Forschung gebracht. Der lässt sich laut Deplazes einfach zusammenfassen: «Die Forschung zeigt, dass Distanzberatung gleich gut wirkt wie die persönliche Beratung vor Ort», sagt sie. Auch rechtliche Aspekte wie Datensicherheit und Persönlichkeitsschutz werden im Masterkurs vermittelt. «Der Schutz sensibler Informationen hat höchste Priorität. Deshalb speichern wir die Daten der Klientinnen und Klienten auf einem Server an der ZHAW und nicht irgendwo anders», betont Deplazes.

Echte Beratung mit Auswertung

Kernpunkt des Masterkurses ist jedoch eine dreimalige Beratungssitzung mit Klientinnen und Klienten, die unter Supervision stattfindet. Die Studierenden rekrutieren ihre Kundschaft selbst, allerdings wird darauf geachtet, dass niemand eine Bekannte oder einen Bekannten berät. Beraten werden psychisch gesunde Menschen, «die mit beiden Beinen im Leben stehen», wie es Deplazes formuliert. «Sie suchen Beratung, weil sie vielleicht vor einer wichtigen Entscheidung stehen oder in einem bestimmten Bereich in einer Krise stecken, beispielsweise weil sie Studium, Job und Familie unter einen Hut bringen müssen.» Die Beratungen werden durch eine Studie begleitet, sodass die Studierenden am Schluss ein qualitatives und quantitatives Feedback ihrer Arbeit erhalten.

«Viele sind anfänglich eher skeptisch und sind dann positiv überrascht.»  Silvia Deplazes, Psychologisches Institut der ZHAW

Wie kommt diese Ausbildung bei den Studierenden an? «Eigentlich sehr gut», sagt Deplazes. «Einige wenige sagen, dass diese Art der Beratung definitiv nicht ihren Vorstellungen vom Beruf entspricht. Viele sind anfänglich eher skeptisch und sind dann positiv überrascht.» Das bestätigt auch Melanie Schönholzer, die den Kurs absolviert hat. «Am Anfang fragte ich mich, was es den Klienten bringt, wenn ich nicht im direkten Kontakt mit ihnen bin», sagt sie. «Dann habe ich gemerkt, dass die Distanzberatung für kurze Sitzungen mit spezifischen Fragen sehr sinnvoll und effizient ist.» Viele etablierte Psychologinnen und Psychologen stehen der neuen Entwicklung eher kritisch gegenüber. Für sie ist die Beratung ein klassisches Beziehungsgeschäft, bei dem die Begegnung im Zentrum steht. Trotzdem ist Deplazes überzeugt, dass sich solche Modelle immer mehr etablieren werden – wenn auch die traditionelle Beratungspraxis kaum ganz verdrängt wird. Vielmehr geht Deplazes davon aus, dass künftig verschiedene Modelle neben- und miteinander existieren werden. Einerseits die klassische persönliche Beratung, daneben verschiedene Formen der Distanzberatung – via Chat, Audio- und/oder Videoberatungen, E-Mail-Feedbacks oder auch Apps, bei denen lediglich Algorithmen am Werk sind. «Das Ganze wird stets weiterentwickelt», so Deplazes.

 

 

Kommunikation muss (neu) gelernt werden

Wer Online-Beratung anbietet, muss sich allerdings nicht einfach technisches Wissen aneignen: Wenn man via Computer kommuniziert, gehen gewisse Aspekte der direkten Interaktion verloren, bei reinem Audio-Kontakt fehlen beispielsweise Informationen, welche die Körpersprache verrät. «Es gilt hier wie überall in der Beratung: Der Ton macht die Musik», sagt Künzli. Man muss also mehr verbalisieren, vielleicht auch öfter mal nachfragen. Trotz dieser Defizite bietet die Distanzberatung auch Vorteile: So zeigt die Erfahrung, dass die sogenannte «Selbstoffenbarung» in der Distanzberatung höher ist. «Man erzählt schneller mehr von sich», sagt Künzli. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Beratung anonym ist. Aus diesem Grund werden Distanzberatungen gerade im Kontext von tabuisierten Themen wie Sexualität oft in Anspruch genommen. Ausserdem ist das Online-Coaching für Klientinnen und Klienten weniger aufwendig, weil sie für die Beratung zuhause bleiben können. Auch seitens der Beraterinnen und Berater sinkt der Aufwand: Sie brauchen im Prinzip nur einen leistungsstarken Computer und eine gute Internetverbindung.

«In der Psychologie werden Online-Tools immer wichtiger. Es ist deshalb gut, dass wir im Studium ein solches Tool schon mal in einer realen Beratungssituation ausprobieren konnten.»  Maria Sorgo, Absolventin

Stellt sich die Frage, ob die Distanzberatung letztlich nur ein Mittel ist, um Kosten zu sparen. Deplazes ist der Auffassung, dass der Tarif für solche Beratungen genauso hoch sein muss wie für Präsenzberatungen. Denn: «Der Beratungsaufwand ist genauso hoch», sagt sie. «Die Arbeit am Computer ist vielleicht sogar anstrengender.» Sollte sich dieses System auf dem Markt durchsetzen, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Die meisten Klientinnen und Klienten wünschen höchste Flexibilität, schnelle Reaktionszeiten und Rund-um-die-Uhr-Service. «Da muss ich mir als Beraterin gut überlegen, ob ich das auf mich nehmen will», gibt die Forscherin zu bedenken. Für die frischgebackene Psychologin Maria Sorgo ist derweil klar: «In der Psychologie werden Online-Tools immer wichtiger. Es ist deshalb gut, dass wir im Studium ein solches Tool schon mal in einer realen Beratungssituation ausprobieren konnten.»

Autorin: Astrid Tomczak-Plewka

Hochschulmagazin ZHAW-Impact

«Studium der Zukunft» lautet das Dossierthema der Dezember-Ausgabe des Hochschulmagazins ZHAW-Impact.

Eine Auswahl der Themen:
Individualisiertes und flexibles Lernen für die digitale Transformation – eine neue ZHAW-Teilstrategie begründet den Masterplan für die nächsten zehn Jahre. Kreativer, flexibler und aktueller, so stellt sich Leandro Huber, der Präsident der Studierendenorganisation VSZHAW, sein Studium der Zukunft vor. Die Lernfabrik an der School of Engineering erklärt das Prinzip Industrie 4.0. Im Biotech-Labor der Zukunft können Studierende ihre Experimente von unterwegs kontrollieren. Kreativ sein, ausprobieren, Fehler machen dürfen: Bei den Lernkonzepten «Service Design» und «Collaborative Online International Learning» steht Erfahrung im Fokus. Hybride Lebensläufe: Rafael Freuler – der einstige Internetunternehmer ist Quereinsteiger in die Soziale Arbeit. Halb real, halb online studieren mit Blended Learning. Mit Seamless Learning Brüche in der Lernbiografie verhindern. Lesen Sie weitere Beiträge über praxisorientiertes Studieren und Prüfungen der Zukunft.

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