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«Wir essen definitiv zu viel Fleisch» - Interview

Massentierhaltung Für die Ernährungsforscherin Christine Brombach steht ausser Frage, dass unser Fleischkonsum sinken muss. Anderthalb Monate vor der Abstimmung über die Massentierhaltungs-Initiative warnt sie vor den Folgen von Billignahrung.

Interview Christine Brombach mit TA Eveline Rutz vom 15.08.2022. Porträtbild mit Tee.

Prof. Dr. Dipl. eoc.trioph Brombach wird von Frau Rutz zum Fleischkonzum in der Schweiz interviewt. Dies im starken Bezug auf die Abstimmung am 25.09.2022 zum Verbot der Massentierhaltung.
Hier ein Auszug der Fragen, das ganze Interview finden sie in der Ausgabe des Tagesanzeigers vom 15.08.2022.

FrauBrombach, kann man heute noch mit gutem Gewissen Fleisch essen?
Die Mengen, die wir derzeit konsumieren, lassen sich nicht mit gutem Gewissen rechtfertigen. Wir verzehren in der Schweiz durchschnittlich 51 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr. Also fast ein Kilo pro Person und Woche. Das ist definitiv zu viel. 

Inwiefern? 
Wir sind momentan noch weit davon entfernt, die Klimaziele 2030 zu erreichen, zu denen sich die Schweiz verpflichtet hat. Wenn wir wollen, dass sich in Zukunft weltweit10 Milliarden Menschen gesund und nachhaltig ernähren können, müssen wir mit den begrenzten Ressourcen haushälterischer umgehen. Für die globale Nutztierhaltung und deren Futtermittel werden Regenwälder gerodet; dies ist mit einem hohen Wasserverbrauch und CO2-Ausstoss verbunden. Für eine Kilokalorie Fleisch muss rund zehnmal mehr Energie aufgewendet werden als für eine Kilokalorie pflanzliche Nahrung. Daher sollten wir weniger tierische Produkte essen.

Wir stimmen am 25. September über ein Verbot der Massentierhaltung ab. Würde ein solches dazu beitragen, zu einer ressourcenschonenden, tierfreundlichen Landwirtschaft zu gelangen?
Momentan sind Lebensmittel viel zu billig. Dies ist insbesondere bei konventionell produzierten Lebensmitteln so. Dies, weil sogenannte Externalitätskosten – also Kosten für CO2Verbrauch, die Folgen von Düngemitteln und hohem Ressourcenverbrauch – meist nicht eingerechnet sind. Bei Bioprodukten ist es vielfach anders. Sie sind entsprechend teurer. Ob sich dies mit der Initiative langfristig ändern würde, bleibt abzuwarten.

Was heisst das konkret? Welche Menge an tierischen Lebensmitteln ist denn vertretbar?
Die Planetary Health Diet empfiehlt maximal 200 bis 300 Gramm Fleisch pro Woche. Das entspricht zwei fleischbasierten Speisen pro Woche, wobei die Portionen nicht übermässig gross sein sollten. Das kann Fleisch oder Fisch sein. Ein bis zwei Eier pro Woche, zwei Portionen tierische Milch oder Milchprodukte pro Tag. Was ich ganz wichtig finde: Wir sollten nicht nur Filet oder Steak verzehren, sondern alle Fleischstücke; also auch Innereien.

Fleisch zu essen, ist heute eine Gesinnungsfrage. Wie ist es dazu gekommen?
Industrialisierungsprozesse und ein zunehmend anonymer Mas­senmarkt haben in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, dass Tiere verdinglicht und mit einer wirtschaftlichen Leistung verbunden wurden. In grossen Betrieben werden sie nicht mehr als eigenständige Lebewesen wahrgenommen. Sie sind zu einer Ware geworden und haben damit ihre Würde verloren. Hin­zu kommt, dass sich die Preise verändert haben. Fleisch – einst ein Prestige­ Nahrungsmittel –ist heute in einer Masse verfügbar, wie es in der Mensch­heitsgeschichte noch nie der Fall war.

Gewichten wir ethische Überlegungen beim Essen insgesamt stärker?
Ja. Wir sind uns der weltweiten Auswirkungen des Essens be­wusster. Der Krieg in der Ukraine führt uns gerade schmerzhaft vor Augen, wie bedeutend Essen im Zusammenhang mit Ressourcen, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit und sozialer Verteilung ist. Da­rüber wird zu Recht mehr disku­tiert als früher. Essen ist immer auch politisch und ein Ausdruck einer individuellen Haltung, ei­ner Einstellung.