Wildtier und Mensch im Naherholungsraum

Naturnahe Lebensräume gewinnen im Zuge der wachsenden Bevölkerung und der Siedlungsausdehnung stetig an Bedeutung. Immer mehr Menschen suchen dort Erholung, Ruhe, sportliche Herausforderung oder ein Erlebnis von Natur und Wildnis. Dadurch steigt der Druck auf Wildtiere, besonders auf jene, die empfindlich auf Störungen reagieren.

Ziele & Forschungsfragen

In einem interdisziplinären und innovativen Forschungsansatz nehmen wir die Auswirkungen von verschiedenen Nutzungsformen im Wald auf Rehe und Rothirsche unter die Lupe. Damit untersuchen wir zum ersten Mal das Raum-Zeit-Verhalten von Wildhuftieren und Menschen gleichzeitig und im selben Raum. Konkret gehen wir folgende Fragen an:

  • Welche Muster lassen sich im Raum-Zeit-Verhalten der Rehe, Rothirsche und Menschen im Sihlwald und seiner Umgebung erkennen?
  • Wie beeinflussen Erholungsuchende den Aktivitätsrhythmus, die Raumnutzung und die Physiologie der Wildtiere?
  • Wie sollen Lenkungsmassnahmen bei den Erholungsuchenden gestaltet sein, damit diese bei den Wildtieren die gewünschte Wirkung erzielen und gleichzeitig von den Erholungsuchenden akzeptiert werden? Wo liegen die jeweiligen Toleranzbereiche?

Untersuchungsgebiet

Karte Untersuchungsgebiet

Wildtiertelemetrie

Bild GPS-GSM-Halsband
GPS-GSM-Halsband
Bild Kastenfalle
Kastenfalle
Bild Fangnetz
Fangnetz

Mittels so genannter GPS-GSM-Halsbänder werden die räumlichen und zeitlichen Bewegungen sowie das Aktivitätsmuster von besenderten Rehen und Rothirschen in der Umgebung des Sihlwalds erfasst. Dafür werden die Wildtiere mit bewährten Methoden (u.a. mittels Kastenfallen, Fangnetzen und Narkosegewehr) eingefangen und nach dem Anlegen des Halsbandes und der Ohrenmarken gleich wieder frei gelassen. Erfahrungen aus zahlreichen Studien im In- und Ausland belegen die Eignung dieser Methoden für den Einfang von Wildtieren. Zudem wurde unsere Studie im Hinblick auf Tierschutz-Aspekte von den zuständigen Behörden eingehend geprüft und gutgeheissen.

Weitere Fakten zum Projekt:

  • Wir besendern keine Kitze, sondern nur ausgewachsene Tiere.
  • Alle unsere Halsbänder sind mit einem fernsteuerbaren Drop-Off Mechanismus ausgestattet. Sollten Probleme mit einem Halsband auftreten, können wir es deshalb vom Tier entfernen, ohne das Tier erneut fangen zu müssen.

Besuchermonitoring

Bild Inhalt GPS-Datenlogger
Inhalt GPS-Datenlogger
Bild GPS-Datenlogger
GPS-Datenlogger
Bild Besucher-Zählstation
Besucher-Zählstation

Automatische Zählstationen messen wann, wo und wie viele Waldbesucher auftreten. Um individuelle Aktionsräume festzuhalten, wird auf freiwilliger Basis eine repräsentative Anzahl von Waldbesuchern mit GPS-Loggern ausgestattet.

Bedeutung für die Praxis

  • Das Verständnis der Mensch-Wildtier-Interaktionen in Gebieten mit hohem Nutzungsdruck wird verbessert.
  • Kenntnisse über die Bedürfnisse von Wildtieren und über die Auswirkungen von menschlichem Verhalten auf Wildtiere schaffen Verständnis. Nur was man kennt, kann man auch respektvoll behandeln.
  • Unsere Studie liefert Grundlagen für einen sinnvollen Umgang mit siedlungsnahen Naturräumen, z.B. für eine effektive Besucherlenkung.
  • Die Daten von besenderten Wildtieren erlauben es, Zu- und Abwanderungsrouten, Aufenthaltsorte, Aktivitätsmuster, aber auch den Grad der Stressbelastung durch Störungen zu bezeichnen. Diese Informationen bilden die Grundlage für ein fundiertes Wildtiermanagement.

Erste Resultate

Daten zu Raumnutzung und Aktivität im Kasten

Nachdem wir in den letzten Monaten die meisten unserer Rehhalsbänder eingeholt haben, stehen uns neben GPS-Raumdaten nun auch detaillierte Aktivitätsdaten der besenderten Individuen zur Verfügung. Im Rahmen einiger studentischer Arbeiten konnten wir daraus erste aufschlussreiche Erkenntnisse über die Einflüsse von Strassen und menschlichen Störungen auf das Raumverhalten und die Bewegungsaktivität von Rehen im Sihlwald und Umgebung gewinnen.

Rehe meiden die Nähe von Waldstrassen Tag und Nacht

Abbildung 1: Angebot-Nutzungs-Analyse für die Aufenthaltsorte von Rehen in Bezug zur Distanz zu grossen Strassen der Klassen 1-4 bei Tag (links) und Nacht (rechts). Der Ivlev-Index gibt den Grad der Meidung (<0) bzw. Bevorzugung (>0) einer bestimmten Distanzkategorie (1: 0-10 m, 2: 10-25 m, 3: 25-50 m, 4: 50-75 m, 5: >75 m) an. Die Analyse zeigt, dass Rehe die Nähe zu Strassen bis zu einer Distanz von 25 m meiden und stattdessen Standorte bevorzugen, welche mindestens 50-75 m von der nächsten Strasse entfernt sind. Quelle: Staeubli A. 2016. Raumverhalten des Rehs in Abhängigkeit von Strassen und Wegen. Semesterarbeit 1, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, Wädenswil.

Die Analyse der GPS-Positionen zeigt, dass die Rehe die Nähe zu Strassen grundsätzlich meiden und stattdessen Standorte in einer Entfernung von mindestens 50-75 m von der nächsten Strasse bevorzugen (Abbildung 1). Dieser Zusammenhang gilt nicht nur für den Tag, sondern auch für die Nacht.

 

 

Rehe in Naherholungsgebieten sind weniger aktiv

Abbildung 2: Mittlere Bewegungsaktivität von besenderten Rehen im Sihlwald und Umgebung, eingeteilt nach Individuen, die sich in vom Mensch gering, mittel und stark gestörten Gebieten aufhalten. Die Fehlerbalken entsprechen dem Standardfehler. Die Analyse zeigt, dass die Bewegungsaktivität der Rehe mit zunehmender Störung signifikant abnimmt, was ein Hinweis auf ein vom Mensch verursachtes eingeschränktes Bewegungsverhalten sein könnte. Quelle: Schneeberger D. 2016. Aktivitätsmuster von besenderten Rehen (Capreolus capreolus) im Sihlwald und dessen Umgebung. Semesterarbeit 2, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, Wädenswil.

Die Betrachtung der Aktivitätsdaten von Rehen in Gebieten mit unterschiedlicher Störungsintensität liefert zudem den interessanten Hinweis, dass Rehe in stark gestörten Gebieten durchwegs über geringere Aktivitätswerte verfügen als solche in gering bis mittel gestörten Gebieten (Abbildung 2).