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Ein Stups zu mehr Ökostrom

Der Wille wäre vorhanden, doch bei der Umsetzung hapert es. Wie man Menschen zu umweltfreundlicherem Handeln bringt, untersucht das Departement Angewandte Psychologie.

Impact Nr. 31 vom Dezember 2015

Weg vom Atomstrom, hin zu erneuerbaren Energien – mehr als drei Viertel der Bevölkerung haben sich letztes Jahr in einer Erhebung der Universität St. Gallen zu dieser Absicht bekannt. Einige Städte haben zudem per Volksabstimmung beschlossen, sich auf den Weg zur atomstromfreien 2000-Watt-Gesellschaft zu machen. Doch wenn es um die konkrete Umsetzung geht, sprechen die Zahlen eine andere Sprache: Nur etwas mehr als 20 Prozent aller Haushalte bestellen ein Stromprodukt aus ausschliesslich erneuerbaren Energien. Mit diesem Widerspruch befasst sich das Departement Angewandte Psychologie. Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Energie, den sich die ZHAW gesetzt hat, erforscht ein Team um Ester Reijnen (Leitung) und Swen Kühne, wie man Menschen für umweltfreundlicheres Verhalten gewinnen kann.

Trägheit der Menschen nutzen

Bei einer Befragung über Stromprodukte im Frühsommer standen, drei verschiedene Angebote zur Auswahl: Das günstigste enthielt überwiegend Atomstrom, das mittlere bestand aus Strom aus erneuerbaren Quellen und beim teuersten handelte es sich um speziell umweltschonend produzierten Strom. Die rund 250 Teilnehmenden – vorwiegend ZHAW-Studierende – wurden in vier Gruppen eingeteilt. Drei davon waren bereits bei einem Stromprodukt eingeloggt. Wollten sie wechseln, mussten sie aktiv eine andere Auswahl treffen. Eine vierte Gruppe diente der Kontrolle und konnte frei wählen. In dieser Versuchsanlage hielten die meisten Befragten dem mittleren Produkt die Treue. «Dies könnte auch mit dem bekannten Phänomen der Tendenz zur Mitte zu tun haben», sagt Studienleiterin Ester Reijnen. Interessant war, dass rund 50 Prozent beim Atomstrom blieben, wenn dieser vorgegeben war, während lediglich 15 Prozent diesen aktiv wählten.
Das Ergebnis entspricht dem sogenannten Nudging-Konzept. Der Begriff – auf Deutsch: Stupsen – wurde von den beiden Autoren Richard Thaler und Cass Sunstein geprägt. Sie gehen davon aus, dass das Verhalten der Menschen durch die Gestaltung der Entscheidungssituation beeinflusst werden kann. Bei  Stromprodukten geschieht dies unter anderem, indem man eine Voreinstellung vornimmt. Der Erfolg dieses Nudges beruht auf der Trägheit der Menschen. So setzen diverse Städte wie etwa Luzern, Bern und Winterthur auf diesen Effekt, indem sie einen Mix aus Wasserkraft, Biomasse, Wind- und Sonnenenergie als Standard definieren. Wer nicht aktiv wird, erhält ein Produkt ohne Atomstrom. Dass die öffentliche Hand  Menschen mittels sanften Stupsens zu gewünschten Verhaltensweisen bringt, stösst zuweilen auf Kritik. Es handle sich um eine Einschränkung des freien Willens, monieren liberale Ökonomen. In der Umfrage der ZHAW gaben jedoch nur sehr wenige an, sie hätten sich bevormundet gefühlt. Im Gegensatz zu teuren und oft ineffizienten Informationskampagnen könne Nudging viel bewirken, sagt Ester Reijnen. Anders als bei der Steuerung über den Preis, lasse man den Leuten damit aber die freie Wahl. Die Psychologieprofessorin findet Nudging ethisch vertretbar, solange es nicht für rein kommerzielle Interessen missbraucht, sondern für Ziele genutzt wird, die dem erklärten Willen der Mehrheit entsprechen.

Nur ein paar Franken teurer

Bislang war Energie-Forschung vor allem eine Domäne von Technikern und Naturwissenschaftlern. «Um bei der Energiewende voranzukommen, müssen wir vermehrt den Faktor Mensch einbeziehen», so Ester Reijnen. Deshalb sollten auch die Sozialwissenschaften  ihren Beitrag leisten. Weil die meisten Menschen keine Ahnung haben, wie viel sie monatlich für Strom bezahlen oder mit der Einheit Kilowattstunden  nichts anfangen können, hat sie einen Tipp: «Wenn man ihnen zum Beispiel sagt, dass sie der Wechsel zu erneuerbaren Energien monatlich lediglich so viel wie eine Tasse Kaffee kostet, würde die Bereitschaft vermutlich erheblich wachsen.»

Autorin: Andrea Söldi