«Wir brauchen Vernetzung und Zusammenarbeit»

Vicente Carabias forscht am Institut für Nachhaltige Entwicklung (INE) mit Schwerpunkt auf nachhaltigen Energiesystemen. Im Interview schildert er unter anderem seine Vision einer Smart City und wie jeder Einzelne zu deren Entwicklung beitragen kann.

Der Begriff «Smart City» ist bereits ein paar Jahre im Umlauf. Wie definieren Sie ihn?

Vicente Carabias: Für mich geht es in erster Linie darum, dass wir die Lebensqualität in der Stadt steigern und gleichzeitig weniger Energie und Ressourcen verbrauchen. Dieses Ziel erreichen wir aber nur, wenn wir neuartige Innovationsprozesse umzusetzen wagen. Dabei müssen Technologie und Akteure in allen möglichen Anwendungsfeldern zusammenspielen. Die technischen Möglichkeiten sind immer nur so gut, wie sie auch genutzt werden. Das Potenzial ist riesig – gerade in der Digitalisierung. Beispielsweise können wir mithilfe von ICT-Lösungen smarte Energie- und Transportsysteme schaffen. Auch Organisationen wie die ITU und die UNECE reden deshalb lieber von «Smart Sustainable Cities» und bringen damit treffender ihren Zweck zum Ausdruck.

Wohin geht die Entwicklung?

Während sich erneuerbare Energieträger, Speicheroptionen und Smart Grids oder auch Smart Homes inzwischen langsam etablieren, kommen nun immer mehr Schnittstellen auf. Beispielsweise geht es darum, dezentrale Energiesysteme mit Elektromobilität zu verknüpfen. Generell müssen Energieangebot und -nachfrage besser aufeinander abgestimmt werden. Beim Monitoring von Bedarf und Verbrauch kann uns vor allem das Internet der Dinge behilflich sein. Ich würde sogar noch weiter gehen: Warum schaffen wir nicht eine Art City Cockpit und eine Open City Data Plattform, welche die nötigen Messdaten für weiterführende Innovationen zur Verfügung stellt? Potenzial sehe ich auch für City-Engagement-Plattformen, wo relevante Akteure und die betroffene Bevölkerung an der Entwicklung ihrer Smart City teilhaben können. Wir brauchen Vernetzung und Zusammenarbeit!

Wie gut funktionieren denn Zusammenarbeit und Vernetzung auf der Forschungsseite?

An der ZHAW School of Engineering haben wir letztes Jahr einen wichtigen Schritt getan: Mit der eigens geschaffenen Forschungsplattform Smart Cities & Regions bündeln wir institutsübergreifend unsere Kompetenzen und Erfahrungen, die für die Bearbeitung von Smart-City-Entwicklungen notwendig sind. Wie gut wir Forschenden in der Schweiz und auch international vernetzt sind, sieht man unter anderem an den eingegangenen Projektpartnerschaften im Rahmen der Swiss Competence Centers for Energy Research (SCCER) oder auch an Konferenzen wie der SmartSuisse, dem Smart City World Congress oder aktuell gerade der Expo 2017 in Astana, die ebenso Beiträge für die Realisierung von Smart Cities leisten.

Angenommen, Sie könnten eine Smart City auf der grünen Wiese umsetzen: Wie sähe Ihre Vision aus?

Die Smart City wäre dicht und in unterschiedlichen Höhen qualitativ so gut verbaut, dass in der Bilanz ein Energieüberschuss resultiert. Die Rede ist von Plusenergiehäusern, die eine komfortable Wohnatmosphäre beinhalten und vertikale Grünräume sowie Dachbegrünungen ermöglichen. Die Menschen wohnen in generationenübergreifenden Wohngemeinschaften, pflegen einen suffizienten 2000-Watt-Lebensstil, teilen sich Haushaltsgeräte und Räume, organisieren sich in Bürgergenossenschaften – beispielsweise für gemeinsame Photovoltaikanlagen und Urban Farming – und setzen dezentrale Energiespeicher ein. Mini-Netzwerke schaffen ein Gleichgewicht an Energiebedarf und -angebot zwischen Gebäuden und auch Elektromobilen. Sensoren und Smart Meter übermitteln die notwendigen Informationen. Dank Beteiligung aller städtischen Akteure an den Innovationsentwicklungen wird die urbane Transformation sehr stark akzeptiert. Mobile Applikationen, Smart Chips, Internet der Dinge und selbstlernende, automatisierte Systeme erleichtern das Leben. Autonomer öffentlicher Verkehr wird auf der letzten Meile mit Bicar-Sharingsystemen ergänzt. Fossile Treibstoffe sind nicht mehr im Einsatz. Auf den Strassen sind nur noch autonome Elektrobusse, Bicars, eBikes, Fahrräder und Fussgänger unterwegs. Ein flächendeckendes Verkehrsleitsystem sorgt für reibungslose Mobilität. Elektrisch betriebene Flugobjekte unterstützen das Transportsystem. Kreislaufwirtschaft, Cleantech, grüne Oasen und erneuerbare Energien prägen das Stadtbild, das eine hohe Lebensqualität garantiert!

Wie können wir Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner bereits heute dazu beitragen, dass Ihre Vision der Smart City dereinst Realität wird? 

Mit einem suffizienten Lebensstil, einer kritischen und konstruktiven Offenheit für technologische Entwicklungen und soziale Innovationen, die letztlich den notwendigen Transformationsprozess hin zu einer Smart City unterstützen sollen! Sie können sich bereits an der diesjährigen Nacht der Technik auf das Thema «Smart City» einlassen, später vermehrt Eigenverantwortung übernehmen, Digitalisierungsmöglichkeiten massvoll einsetzen und in Zukunft entsprechende Living Labs in ihrer Stadt unterstützen.