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Partnerschaftliche Leitung am Institut Konstruktives Entwerfen IKE

Seit Januar 2018 leitet die bisherige Vorsteherin Astrid Staufer das Institut Konstruktives Entwerfen IKE gemeinsam mit Andreas Sonderegger.

Andreas Sonderegger und Astrid Staufer

Andreas Sonderegger, Co-Leiter Institut Konstruktives Entwerfen
Astrid Staufer, Co-Leiterin Institut Konstruktives Entwerfen

Andreas Sonderegger ist Architekt. Er diplomierte 1992 an der ETH Zürich und ergänzte seine Studien 1994/1995 am Illinois Institute of Technology IIT in Chicago zum Thema Hochhausbau. Seit 1998 ist er Partner der pool Architekten in Zürich. 2001 bis 2004 war er Dozent für Entwurf an der Universität Liechtenstein, 2010 bis 2012 Gastdozent an der ETH Zürich und 2016 Gastprofessor an der Technischen Universität TU Wien. Er engagiert sich in der Architektengruppe Krokodil und ist seit 2011 Mitglied des Zentralvorstands des Bund Schweizer Architekten BSA.

Mit Astrid Staufer und Andreas Sonderegger sprach Martin Tschanz am 09. Januar 2018.

Martin Tschanz: Ende letzten Jahres wurde am Institut Konstruktives Entwerfen IKE eine Co-Leitung eingeführt. Warum diese Änderung der Führungsstruktur?

Astrid Staufer: Die Anforderungen werden stets komplexer. Wir verstehen uns als Drehscheibe zwischen Lehre, Forschung und Praxis. Dem entsprechend versammelt das Institut Architekten, Bauingenieure und wissenschaftliche Mitarbeitende, die alle neben ihrer Arbeit am Institut auch in der Praxis tätig sind - wie ich selber auch. Gleichzeitig sind die Aufgaben am Institut aber enorm anspruchsvoll. Relevante Themen für die angewandte Forschung zu entwickeln, geeignete Partner zu finden, Gelder zu akquirieren und Forschung und Lehre so zu koordinieren, dass sie sich gegenseitig befruchten: das ist fordernd und zeitaufwändig.

In den letzten Jahren waren wir damit glücklicherweise recht erfolgreich. Entsprechend sind wir gewachsen und haben mehr Projekte, daraus resultierend mehr wissenschaftliche Mitarbeitende und aktuell auch mehr Studierende zu betreuen. Allein wären die vielfältigen Aufgaben der Institutsleitung nicht mehr zu bewältigen, weshalb ich sehr froh bin, dass ich Andreas Sonderegger als Co-Leiter des Instituts gewinnen konnte. Er bringt wertvolle Erfahrungen mit, nicht zuletzt deshalb, weil er gemeinsam mit seinen Partnern ein Architekturbüro führt, das sich in seiner Praxis immer wieder um Innovation kümmert. Zudem verfügt auch er über Lehrerfahrung an verschiedenen Hochschulen.

Martin Tschanz: Was interessiert dich, Andreas, als erfolgreicher Architekt am Institut Konstruktives Entwerfen IKE?

Andreas Sonderegger: Mein Interesse hat mit meinem sehr tektonischen Verständnis von Architektur zu tun: Architektur als dem Ergebnis einer Praktik. Aus diesem Verständnis heraus hat Architektur  extrem viel mit Konstruieren zu tun. Ich weiss, dass diese Auffassung am IKE geteilt und in ihren Konsequenzen untersucht wird. Architektur, wie wir sie wahrnehmen, ist eng verbunden mit der Praktik als Kultur des Machens einer Epoche. Wir beide, Astrid Staufer und ich, sind bereits während unseres Studiums auf dieser Basis geschult worden und bauen auch in unserer beruflichen Praxis auf dieser Überzeugung auf.

Prägend war für mich auch die Erfahrung am Illinois Institute of Technology IIT. Ich kam nach Chicago, um mich mit dem Werk von Mies van der Rohe zu beschäftigen, habe aber schliesslich bei Mies' Schülern am IIT Hochhausbau studiert. An dieser Schule bildet die Auseinandersetzung mit Konstruktion die Grundlage des architektonischen Denkens. Die meisten meiner dortigen Lehrer waren Ingenieur-Architekten, also Ingenieure und Architekten zugleich. Sie haben sich mit Aufgaben in Massstäben beschäftigt, in denen Architektur zum Ingenieurbau wird. Das fasziniert mich bis heute.

Tschanz: Fragen von Technik und Ausdruck gemeinsam zu betrachten, Forschung und Praxis zusammen zu bringen: das sind offensichtlich Ziele, die ihr teilt.

Staufer: Die ZHAW ist für diese Ziele eine besonders attraktive Wirkungsstätte, gerade durch die Kombination mit der Lehre. Der Auftrag der Fachhochschule, angewandte Forschung zu betreiben und diese befruchtend in die Lehre einzuspeisen, birgt ein einmaliges Potential. Aus unserer eigenen Praxis kennen wir die Probleme unseres Berufsstands sehr genau und sehen, wo die Gefahren und Möglichkeiten aktueller Entwicklungen liegen. So blicken wir etwa mit Sorge auf die zunehmende Normierung und Standardisierung, die unsere Gestaltungsmöglichkeiten und Spielräume immer mehr einschränkt. Unter dem wachsenden Druck des Berufsalltags können wir uns als Einzelfiguren den generellen Fragen unserer Berufskultur kaum mehr annehmen. Die Institution bietet uns ein Gefäss dafür. Hier können wir als uns als Advokaten für die zukünftige Architektur engagieren, untersuchen, was verbesserungswürdig ist – im Einzelnen, aber auch unsere Disziplin als ganze betreffend.

Im Rahmen dieses Forschungslaboratoriums können wir einzelne Aspekte bewusst herausgreifen oder unterdrücken, um die Konsequenzen auszuloten. Das betrifft sowohl die Forschung als auch die Lehre. So wird es möglich, die Studierenden am spannenden Prozess der Befragung unserer eigenen Disziplin teilhaben zu lassen.

Sonderegger: Wir haben hier die Chance, uns die Zeit zu nehmen, die in der beruflichen Praxis oft fehlt, um einen Schritt zur Seite zu treten. So können wir einzelne Aspekte vertieft und systematisch untersuchen. Und hoffen dabei natürlich, Erkenntnisse zu gewinnen, von denen wiederum die Praxis profitieren kann.

Staufer: Eine Herausforderung liegt darin, dass die Lehre zwar über die Schule finanziert wird, die Forschung aber auf externe Finanzpartner angewiesen ist. Wir haben an anderen Hochschulen gesehen, dass man dadurch Gefahr läuft, zu Dienstleistern zu verkommen. Es ist anspruchsvoll, Partner für jene Fragen zu finden, die wir als vordringlich erachten und die sich gleichzeitig eignen, in die Lehre getragen zu werden. Aber nur so lässt sich unsere Stärke voll ausspielen, zwei synchrone Labors zur Verfügung zu haben, in denen sich Thesen überprüfen und Fragen klären lassen. In den Lehrgefässen Constructive Research und Master Studio können wir entwerferisch die in der Forschung erarbeiteten Fragestellungen austesten. Idealerweise gelangen dabei die Interessen der Partner aus der Bauwirtschaft oder der öffentlichen Hand, die didaktischen Interessen der Schule und jene unserer Disziplin zur Deckung.

Ausserdem lebt und fördert das IKE seit jeher den Dialog der Konstrukteure: Gemeinsam mit Bauingenieuren und anderen Fachleuten führen wir die technologischen Aspekte unseres Berufs mit unseren baukünstlerischen Anliegen zusammen. Die intensive Zusammenarbeit von Ingenieuren und Architekten an gemeinsamen Projekten in Forschung und Lehre ist in der schweizerischen, aber auch in der internationalen Hochschullandschaft einmalig.

Tschanz: Kommen nun mit der breiter abgestützten Leitung des Instituts neue Forschungsthemen in Sicht? Gibt es Fragen, die Du, Andreas, besonders verfolgen möchtest?

Sonderegger: Es ist im Moment noch zu früh, darüber zu sprechen. Ich muss zunächst die bestehenden Partnerschaften richtig kennen lernen, die mir sehr interessant erscheinen. Immerhin: Mit Blick auf die Schweizer Architektur der vergangenen Jahre scheint sich mir eine Frage des Massstabs zu stellen. Auch relativ grosse Bauaufgaben werden hierzulande teils mit überraschend konventionellen Mitteln angegangen. Meine Erfahrungen aus Chicago zeigen mir, dass sich neue Möglichkeiten eröffnen, wenn in höherem Mass ein Ingenieur-Denken gepflegt wird. Bauingenieure fassen Aufgaben, die Architekten oft ganz anders angehen, im Allgemeinen zunächst als konstruktive Probleme auf. Aus den Konstruktionsweisen, die sie entwickeln, können sich neue Ausdrucksmöglichkeiten in der Architektur ergeben. So eröffneten sich beispielsweise in der Nachkriegszeit beim Hochhausbau oder bei weit gespannten Konstruktionen neue Wege.

Ein weiteres Themenfeld, das mich in diesem Zusammenhang speziell interessiert, sind die Infrastrukturbauten, die einen enormen Einfluss auf unsere Landschaft haben und die oftmals die wirklich grossen städtebaulichen Interventionen unserer Zeit sind. Hier sollten sich die Architekten mit ihrem umfassenden Aufgabenverständnis und ihren gestalterischen Fähigkeiten verstärkt einbringen. Dazu bräuchte es aber ein entsprechendes Wissen und neue Ausbildungsschwerpunkte. Ich sehe da eine grosse und gesellschaftlich relevante Aufgabe, die wir Architekten in den vergangenen Jahren nicht oder nur ungenügend wahrgenommen haben.

Staufer: Andreas spricht damit ein zentrales Anliegen unseres Instituts an. Wir vertreten nach wie vor ein generalistisches Berufsbild, das wir sowohl in der Lehre wie auch in der Forschung hochhalten und weiter zu stärken versuchen. Die zunehmende Aufsplittung unserer Disziplin in unterschiedliche Spezialisierungen verfolgen wir mit grosser Sorge. Fast jährlich tauchen neue Fachspezialisten auf, was aufgrund der wachsenden Komplexität unserer Aufgaben wohl unvermeidlich ist. Umso wichtiger ist es, all diese Fäden zusammenzuhalten und sich dabei der gesellschaftlichen und kulturellen Verantwortung unserer Tätigkeit bewusst zu sein. Das ist und bleibt die Aufgabe des Architekten: als "Spezialist für das Ganze" zu wirken. Ihn heranzubilden ist anspruchsvoll, weil es dazu ein enorm breites Wissen braucht, oder doch wenigsten einen vertieften Einblick in alle Bereiche der vielen Spezialisten. Ohne dieses Wissen können wir die anspruchsvolle Rolle des Moderators aller Disziplinen nicht bewältigen.

Darüber hinaus brauchen Architekten aber auch den Willen und die Lust, in die Zukunft zu blicken. Angesichts der rasanten Veränderungen, die im Gange sind, scheuen wir uns bisweilen davor. Lieber schauen wir in die Vergangenheit, um uns selbst zu vergewissern - und verlieren uns oft hoffnungslos in ihr. Das ist zwar verständlich in Anbetracht der aktuellen Bedrohungen und angesichts des Wendepunkts, an dem wir uns ganz offensichtlich befinden. Trotzdem dürfen wir nicht aufgeben, die Studierenden auf ihre Verantwortung vorzubereiten, die bauliche Zukunft aus den Erkenntnissen der Geschichte heraus aktiv zu entwickeln und zu gestalten.

Sonderegger: Dabei ist der angesprochene Aspekt der Verantwortung ganz zentral. Kulturelle Verantwortung zu übernehmen, gehört zum Kern der Aufgaben des Architekten. Niemand kann uns dies abnehmen.