Kopfbereich

Schnellnavigation

Hauptnavigation

Gesellschaftliche Integration – Wechselwirkung zwischen Mensch und Raum

Gesellschaftliche Integration hat nicht nur mit Menschen zu tun, sondern wesentlich auch mit Räumen, so lautet die These eines Projekts, das vier öffentliche Plätze auf ihr Integrationspotenzial hin untersucht.

ZHAW-Impact Nr. 41

Wie muss öffentlicher Raum gestaltet sein, damit er bei Nutzerinnen und Nutzern Kreativität und soziale Integration fördert?: Stefan Kurath.

Bisher haben Sozialwissenschaftler und Architekten das Thema öffentlicher Raum zumeist losgelöst voneinander betrachtet. Architekten untersuchten dabei vor allem architektonische Qualitäten und betrieben damit sozusagen eine Architektur ohne Gesellschaft. Soziologen hingegen konzentrierten sich vor allem auf den Menschen und betrieben – zugespitzt formuliert – eine Soziologie ohne Raum. «In Wirklichkeit ist es immer eine Wechselwirkung», erklärt ZHAW-Forscher Stefan Kurath vom Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen. Der Co-Leiter des Instituts für Urban Landscape geht von der These aus, dass Gestaltung und menschliches Verhalten sich gegenseitig beeinflussen. Gemeinsam mit dem Politologen Philippe Koch und dem Architekten Simon Mühle­bach bildet er das Kernteam am Institut, das die Wechselwirkung von räumlichen Strukturen und gesellschaftlichem Handeln im öffentlichen Raum zur Förderung von Integration von Menschen in die Gesellschaft untersucht.

Aneignung von Raum

Ein wichtiger Begriff, den Kurath immer wieder anführt, ist «Aneignung». Damit meint der Architekt jegliche Form von Inbesitznahme des Raumes, sei dies, indem sich jemand auf eine Bank setzt, einen Gemüsemarkt organisiert oder ein leerstehendes Haus besetzt. Dieser Begriff steht auch im Zentrum seines Forschungsinteresses. «Wir wollen keine Räume gestalten, bei denen die soziale Arbeit dann darauf hinweisen muss, was dort gemacht werden kann. Die Leute sollten sich die Räume selber aneignen.» Die Herausforderung dabei ist, dass die Aneignung meist nicht so passiert, wie vom Architekten oder Städteplaner beabsichtigt. Das bildhafteste Beispiel ist die Sitzbank, welche Skater für ihre halsbrecherischen Sprünge nutzen.

Offene Strukturen

Die grosse Frage der Forschenden ist: Wie beeinflussen Raumstrukturen diese Aneignung und damit menschliches Handeln? Aneignung funktioniert laut Kurath über offene Strukturen. Mit einer stark determinierten Gestaltung werde Aneignung nämlich oft verhindert. Ein Platz sieht dann vielleicht schön aus, wird aber kaum benutzt. Doch wo liegt die Grenze zwischen offener Gestaltung und Überdeterminiertheit? Und was bedeutet das für Integrationsmechanismen?

Kurath und seine Kollegen konzentrieren sich in ihrer Forschung auf vier kürzlich realisierte öffentliche Plätze, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und deren Entstehungsgeschichte. Dazu gehört der Richtiplatz in Wallisellen. Die dort entstandene Hofrandsiedlung – Wohngebäude in geschlossener Bauweise um einen Innenhof – kopiert laut Kurath Stadtkonzepte aus dem 19. Jahrhundert. Der Platz sei bis jetzt vor allem für Architekten von Interesse, aber weniger für die Anwohner. Die Forschenden untersuchen auch den Lagerplatz in Winterthur, der von einer stark gemischten Nutzung geprägt ist. Weitere Plätze sind der Murg-Auen-Park in Frauenfeld und der Europaplatz in Bern. Die Forschenden erhoffen sich Antworten auf die Frage, wo die Gestaltung wie integrativ wirkt. «Interessant für uns sind auch die sozialen Medien», sagt Kurath. Wie wird der Platz aufgenommen? Was wird fotografiert? Ein erster Blick verrate viel. Neu an dem Projektansatz ist der crossdisziplinäre Zugang: Neben der Expertise der Architekten fliesst jene von Landschaftsarchitekten, Verkehrsplanern, eines Fotografen, einer Wissenschaftlerin aus dem Bereich «cognitive science» und einer Juristins ein, die alle am Institut arbeiten. Laut Kurath wollen die Forschenden mit ihren Kompetenzen «Spuren legen».

Autor: Abraham Gillis

Hochschulmagazin ZHAW-Impact

«Gesellschaftliche Integration» lautet das Dossierthema der Juni-Ausgabe des Hochschulmagazins ZHAW-Impact.

Eine Auswahl der Themen: Welche Karrieremöglichkeiten bieten Unternehmen für Mitarbeitende 49+? Wie fair sind Sozialversicherungen in der Schweiz? Welche Wechselwirkung besteht zwischen der Gestaltung von Räumen und menschlichem Verhalten? Wie kann man ältere Migrantinnen und Migranten aber auch junge Secondos unterstützen? Wenn immer mehr junge Menschen unter psychischen Erkrankungen leiden, wie kann man Früherkennung und Therapie fördern? Zudem lesen Sie Porträts über Menschen, die sich für den Wissenstransfer mit Namibia, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, hindernisfreie Kommunikation, ethische Managementausbildung und mehr Frauen in MINT-Fächern engagieren.

Interessiert? Hier können Sie das Impact kostenlos abonnieren oder lesen: